Die Sache mit der Preisgestaltung – Handgemachtes nur für Reiche?

Was mich seit der Gründung von ringelmiez umtreibt, ist die Frage, wie ich meine Preise gestalte. Ich fange an dieser Stelle nicht wieder die Diskussion um vermeintlich zu hohe Preise für handgemachte Dinge an. Die wird im Selbermach- Internet seit Jahren geführt und es haben schon viele andere Selbermacher_innen etwas dazu geschrieben. Aber heute morgen erst deutete ich ja an, dass ich von meiner Arbeit gerne leben können möchte, und zwar so, dass der Mann seine Arbeitszeit reduzieren kann. Irgendwann möchten wir die Rollen hier bei uns zu Hause gern tauschen: Der Mann möchte zuhause bleiben und sich um Kinder und Haushalt kümmern, während ich dann für das Familienauskommen zuständig bin.


5775598034_d349f06c2b_b

Ein ganz wesentlicher Teil dieses Vorhabens ist, welchen Preis, welchen Wert ich für meine Arbeit ansetze.
Jahrelang fiel es mir ziemlich schwer, meine Preise so zu kalkulieren, dass sie dem Wert meiner Arbeit wirklich entprechen. Es ist nunmal so: Wenn ich von meiner Arbeit leben können will, bedeutet das, dass sich nur wohlhabende Menschen meine Sachen leisten können. Setze ich meine Preise niedriger an, kann ich von dieser Arbeit nicht leben, und dann kann ich diese Selbstständigkeit nicht machen. Da kann man noch so lange über den unbestreitbaren Wert von Handarbeit referieren – Eine Puppe für 200 Euro ist für ein alleinerziehendes Elternteil, für ein_e HartzIV- Empfänger_in oder einen Menschen mit geringem Einkommen einfach nicht erschwinglich. Es mangelt da gar nicht mal an Bereitschaft, für ein hochwertiges, schönes Handarbeitsprodukt einen fairen Preis zahlen zu wollen – es ist einfach das Geld, das fehlt.

Das kneift mich im Magen, und ich weiß noch nicht recht, wie ich damit umgehen soll. Ich möchte weniger wohlhabende Menschen nicht aus meinem Kund_innenkreis ausschließen müssen, damit ich von meiner Arbeit leben kann.

Denn gerade nach Puppen ist der Wunsch dennoch oft so groß. Manchmal legt dann die ganze Familie zusammen, damit der Herzenswunsch erfüllt werden kann. Manchmal geht auch das nicht, und in diesen Fällen habe ich bisher Ratenzahlung angeboten. Damit habe ich aber auch des öfteren schon weniger gute Erfahrungen gemacht. In absoluten Einzelfällen bin ich mit dem Preis auch schon deutlich runtergegangen – was dann aber so deutlich zu meinem Nachteil ausfiel, dass ich es mir eben auch nicht leisten kann. Beides kann keine funktionierende Lösung sein. Aber gerade, wenn es um Puppen geht, beschäftigt mich die Sache so, dass ich gerne eine Lösung dafür hätte. Was tun also?

5772269830_ef280be120_b 5956693339_1496af2ef3_b 5852148232_c7992bdf62_b

Sehr inspirierend finde ich da zum Beispiel die Idee der suspended coffees. Immer mehr Cafés bieten die Möglichkeit an, neben dem eigenen Kaffee einen weiteren für eine arme Person zu bezahlen. Das Geld dafür landet in einer gesonderten Kasse, und davon kann sich dann zum Beispiel ein_e Obdachlos_e ihren oder seinen Frühstückskaffee finanzieren. Eine sehr schöne Idee, die auch hier in Deutschland immer mehr Fahrt aufnimmt.

Meine aktuelle Überlegung ist, angelehnt an diese Idee sowas wie suspended dolls anzubieten: Wer bei mir eine Puppe oder einen Quilt kauft, kann auf freiwilliger Basis zusatzlich zum Kaufpreis 5 oder 10 Euro (oder 20 oder 50, je nach Geldbeutel) in eine Art Solikasse spenden. Mit dem Geld, was sich darin sammelt, kann ich ärmeren Menschen dann einen Rabatt in festgelegter Maximalhöhe gewähren – Mindestens 50, maximal 100 Euro fände ich angemessen. Natürlich hat auch diese Sache potentielle Tücken, denn wie will ich sicherstellen, dass der Solidaritäts- Rabatt auch wirklich bei Menschen landet, die es sich anders wirklich nicht leisten könnten? Ich bin keine Behörde, ich kann und will mir keine Einkommensbescheide zeigen lassen oder sowas. Diese Methode würde also rein auf Vertrauensbasis funktionieren. Und es könnte mitunter recht lange dauern, bis sich in der suspended dolls -Kasse ein ausreichend hoher Betrag angesammelt hat. Kund_innen, die für so eine Soli- Puppe in Frage kämen, müssten also vielleicht recht lange in der Warteschlange stehen.

Wie findet ihr diese Idee? Habt ihr andere Vorschläge?

_______________________

Nachtrag: Vielen Dank für euer Feedback und eure Vorschläge! Ich werde die Idee mit den suspended dolls  ausprobieren und habe meine FAQ um einen entsprechenden Punkt dazu ergänzt. Ich bin gespannt, wie sich das in der Praxis so macht und werde beizeiten berichten.

21 Kommentare

  1. ryuu
    Am 30.07.2014 um 12:16:55 Uhr [Link]

    Die Idee mit den suspended dolls bzw. Solipreisen finde ich wunderschön. Ich wäre gespannt, ob und wie das funktioniert.

  2. Ramona
    Am 30.07.2014 um 12:20:50 Uhr [Link]

    Ich finde die Idee klasse. So funktioniert es auch mit Schulgeld bei zB Waldorfschulen, wo die Gemeinschaft die finanziell Schwächeren Familien trägt. An unserer ersten Schule gab es auch einen Fond. Man musste dann kurz begründen bzw sich bewerben und bekam das stattgegeben, einen geminderten Beitrag zu zahlen. Der Fond wurde gefüttert durch Patenschaften und Spenden.
    Versuch es doch einfach und schau, wie es sich entwickelt.

  3. Katze
    Am 30.07.2014 um 12:33:43 Uhr [Link]

    Die Idee an sich finde ich gut. So einen „Puppen für alle“-Fond kann man auch noch aus anderen Quellen füttern. Du könntest Flattr einbinden oder einen Paypalspendenbutton. Auch Affiliatelinks sind eine Variante. Wahlweise geht davon der komplette Betrag in die Kasse oder ein Prozentsatz. Bei den Buddenbohms werden über Flattr ja die Familenausflüge finanziert. Hier wären es Puppen. Für spezifische eilige Fälle (Krankheitströster, Wohnungsbrandüberbrücker etc.) kann man auch überlegen, ob man Crowdfunding nutzt.

    • ella
      Am 30.07.2014 um 19:21:25 Uhr [Link]

      bei den affiliatelinks kommt zu wenig rum, aber über einen spenden- oder flattr- button denke ich nach. crowdfunding klingt auch toll, bedeutet aber zusätzlichen relativ großen zeitaufwand.

  4. Tüt
    Am 30.07.2014 um 12:42:33 Uhr [Link]

    Schade, dass es mit der Ratenzahlung nicht funktioniert, das hätte ich ja für einen guten Weg gehalten.
    Deine Idee finde ich aber auch wirklich nicht schlecht. Natürlich musst du deinen Kunden dann einfach vertrauen, und schwarze Schafe gibt es wohl immer und überall. Aber für alle, die sich so eine Puppe sonst niemals leisten könnten, wäre es ja schon toll. Und die lange Wartezeit schreckt dann nicht ganz so arme, die tun wollen als ob, vielleicht ja auch etwas ab.
    Für Schulkinder gibt es ja auch oft Fördervereine etc. wenn Klassenfahrten von den Eltern nicht gemeistert werden können oder so. Da fragt vermutlich auch keiner nach dem Einkommen?

    Ich bin gespannt, wie du dich entscheidest und hoffe, dass es funktioniert.

  5. Cornelia
    Am 30.07.2014 um 13:10:19 Uhr [Link]

    Ich finde die Idee auch großartig. Du könntest Wartenden dann evtl auch einen verminderten Betrag anbieten. Wenn im Topf gerade 50,00 € liegen, vermindert sich der Preis der gewünschten Puppe um diesen Betrag. So muss man nicht warten, bis der ganze Wert zusammen gekommen ist, kann sich aber den günstigeren vielleicht auch schon leisten?

    • ella
      Am 30.07.2014 um 19:22:32 Uhr [Link]

      ja, genau das meine ich: ich will in mit hilfe der solikasse vor allem rabatte geben können, von 50 oder 100 euro, so dass der restbetrag dann vielleicht stemmbar ist.

  6. Sybille
    Am 30.07.2014 um 13:13:22 Uhr [Link]

    Hallo,
    ich glaube, ich kommentiere gerade zum ersten Mal, obwohl ich gerne ab und zu hier vorbeischaue.
    Das Preis-Thema interessiert mich sehr, da ich bei der Preisgestaltung auch immer große Probleme habe. Bin gespannt, ob deine Idee funktioniert und hoffe, du schreibst später nochmal dazu.

    Lieben Gruß aus Südtirol,
    Sybille

    • ella
      Am 30.07.2014 um 19:23:25 Uhr [Link]

      ich werde auf jeden fall dazu schreiben, wenn ich entschieden habe, wie ich es mache :) schwieriges thema, da haben aber fast alle kreativ selbstständigen um mich rum mit zu kämpfen.

  7. Anna-Maria
    Am 30.07.2014 um 13:46:19 Uhr [Link]

    Liebe Ella,
    als ich beim Lesen auf Höhe der Fotos war, habe ich genau an die Idee gedacht, die du dann ausgeführt hast. Und während ich das las, kam mir auch der Gedanke, wie man die „Bedürftigkeit“ denn dann feststellen würde. D.h. die Idee finde ich gut und würde sie, wie Ramona auch schreibt, einfach mal ausprobieren. Ich glaube nicht, dass es missbraucht werden würde. Alleine schon deshalb weil doch schon so so viel funktioniert hat (mit der Wohnungsbrand-Familie zum Beispiel). Versuche doch an die vielen positiven Dinge zu denken, die sich die Personen, die spenden würden, garantiert wünschen. Ich bin davon überzeugt, dass das funktionieren kann. Und: mache es doch als „Testphase“- muss ja keine Entscheidung für immer sein ;)
    Liebe Grüße und danke für das politische Statement dass da auch dahinter steckt…
    Anna-Maria

  8. percanta
    Am 30.07.2014 um 14:05:09 Uhr [Link]

    Hallo,
    es ist tatsächlich so, dass „normale“ selbstgemachte Dinge schnell unerschwinglich werden, wobei ich dann eher das für mich nicht bezahlbare verschenke als es für mich selbst in Erwägung zu ziehen. Für eine Stricknadeltasche (merci nochmal) würde ich eben nicht in der Familie sammeln, für eine Puppe aber vielleicht schon.
    Darum würde ich Deine Idee vielleicht auch ausprobieren, aber auch für ganz besondere Dinge – wie eben die Puppen – aufheben.
    In meinem Chor funktioniert es mit den Mitgliedsbeiträgen so: Wer sich den normalen Mitgliedsbeitrag gerade nicht leisten kann, sagt vertraulich dem Vorstand bescheid und bekommt eine deutliche Ermäßigung. Der „Verlust“ für den Chor wird von der Gruppe (den regulären Beiträgen) getragen. Geht natürlich nicht mehr, wenn es auf einmal alle beantragen. Es wird auf Ehre und Vertrauen behandelt, man muss nichts erklären, nichts belegen. Und man sagt selbst, ob man wieder mehr zahlen kann, wenn sich die eigene Situation ändert .
    Unterschied ist, dass es hier eine feste Gruppe ist und man sich gegenseitig kennt (auch wenn keiner den anderen sagen muss, wenn man selbst gerade nicht zahlen kann). Das ist etwas anderes, als bei einer dritten Person etwas zu kaufen, darum ist bei Dir das „Risiko“ vermutlich höher, dass doch mal jemand „schummelt“. Wobei das eigentlich nicht zu Deinen Produkten passt. Die Idee, eine Gruppe den Spendentopf finanzieren zu lassen, anstatt auf jede Puppe pauschal 5 Euro aufzuschlagen und in den Topf zu stecken, ist jedenfalls schöner, da von mehr freiwilligen Schultern getragen.

  9. mom
    Am 31.07.2014 um 10:51:50 Uhr [Link]

    Ich hab da so ein bisschen ein Problem mit der Idee, dass jeder ein Anrecht auf alles haben soll. Dein Gedanke zur Solidarität ehrt Dich sehr, aber hey, es gibt nun einfach mal unterschiedliche Einkommen, oft verbunden mit unterschiedlichen Lebensentwürfen, und damit unterschiedliche disponible Geldmengen. Ich verdiene nicht schlecht, aber eine Puppe um 200 Euro wäre mir zu teuer, denn ich habe andere Ausgaben, die vorgehen. Ich kann mir auch keine Wohnung in Schwabing leisten, obwohl das toll wäre – aber das ist halt so in einem begehrten Stadtviertel. Ich kann dabei keine Ungerechtigkeit erkennen. Warum soll jemand, der nun weniger Einkommen hat als ich ein Anrecht darauf haben, dass Du mit dem Preis für Deine Arbeit runtergehst oder warum sollten andere einen Teil ihres Einkommens dafür spenden? Ich würde nicht erwarten, dass irgendjemand in eine Solikasse einzahlt, damit ich mir einen schönen Luxusgegenstand kaufen kann, der für mich sonst unerschwinglich bleibt. Ich bin auch nicht bereit, Geld dafür zu spenden, damit andere sich Luxusgegenstände kaufen können. Es gibt wirklich genug Bereiche, wo es an Geld für das Lebensnotwendige fehlt und wo man sinnvoll sein Geld spenden kann – aber ein Quilt oder eine Puppe gehören da nicht dazu. Die gehören in den Bereich „Nice to have“, und wer sie sich nicht leisten kann, muss auf günstigere Alternativen umsteigen. So wie Du auch, Du kannst Dir keinen BMW leisten (Du willst auch keinen, aber das steht auf einem anderen Blatt) und niemand auf dieser Welt ist dir einen schuldig.
    Besonders wichtig finde ich, dass Du einen Preis für Deine Arbeit ansetzt, der Dir ein Auskommen ermöglicht, insbesondere, weil Du Familie hast, die miternährt werden will.

    Dass gesamtgesellschaftlich Konzepte hermüssen, durch die die Schere der weit auseinanderklaffenden Einkommen wieder geschlossen wird, ist für mich auch klar. Im postindustriellen Westen fehlen einfach die Massen an Jobs, die früher von niedrig qualifizierten Arbeitskräften gemacht wurden, und sie kommen in absehbarer Zeit auch nicht mehr wieder. Aber selbst bei einem, sagen wir, bedingungslosen Grundeinkommen für alle gäbe es exklusive Gegenstände, die nicht für alle erschwinglich sind. Logische Folge der Preisgestaltung auf einem Markt.

    • ella
      Am 31.07.2014 um 11:11:00 Uhr [Link]

      Hmm, es geht ja nicht um ein Anrecht, sondern um Solidarität mit denen, die zu wenig haben. Mir behagt dieses „ist nun eben mal so“- Denken nicht, dieses einteilen in Klassen. Die einen können sich was leisten, die anderen eben nicht – Pech gehabt, ist halt so. Wenn ich am Tisch sitze und mein Teller gut gefüllt ist und ich mit Appettit reinhauen kann, möchte ich zu dem, der neben mir an einer trockenen Brotscheibe rumkaut, nicht sagen: „Naja, ist halt so, ne. Hat halt nicht jeder ein Anrecht auf was leckeres zu Essen.“ Ich gebe dann lieber was ab, und wenn noch ein paar andere, die am Tisch sitzen, das auch machen, hat jeder gut zu essen. Finde ich einfach den freundlicheren Umgang.

    • Friederike
      Am 31.07.2014 um 11:39:14 Uhr [Link]

      Es geht ja nicht um ein Anrecht auf alles. Es geht hier konkret um Puppen, die für Kinder ein großes Stück Liebe, zu Hause, Behaglichkeit, Sorgentröster, Freund und noch viel mehr sind, und die einen vermutlich nicht nur einen Sommer lang sondern mehrere Jahre begleiten, vielleicht ein Leben lang aufgehoben werden oder an Geschwister oder eigene Kinder weiter vererbt werden. Die haben ihren Wert. Einen hohen, gerechtfertigten in der Herstellung und einen noch viel höheren emotionalen. Und ich hasse die Vorstellung so sehr, dass ich als Hartzer kein Anrecht darauf haben soll, meinem Kind so eine Puppe zu kaufen und daher auf billigen Plastikscheiss ausweichen muss (um jetzt mal alle Klischees zu bedienen). Was kann ein Kind für den Verdienst seiner Eltern? Muss es deswegen überall zurückstecken?
      Wenn ich also die Möglichkeit hätte, meinem Kind mit Hilfe anderer (der Familie und vielleicht der Solikasse) diesen Wunsch zu erfüllen wäre ich glücklich das tun zu können. Und wenn ich wieder mehr Geld hätte, würde ich vermutlich auch was in die Solikasse einzahlen. Oder irgendwo anders helfen, durch Geld oder Taten. Irgendwo schließt sich der Kreis doch immer. Vielleicht ohne Anrecht, aber dafür mit dem Wissen, dass man einfach nicht alleine lebt auf dieser Welt.

    • Distelfliege
      Am 31.07.2014 um 12:18:23 Uhr [Link]

      Meine Vorschreiberinnen haben ja schon was gesagt, dem schliesse ich mich gerne an.

      Das Problem mit deinem Kommentar ist imho:
      1. Es lässt sich generell nicht so leicht sagen, wo Notwendigkeit aufhört, und wo Luxus anfängt. Das hat Friederike auch schon angesprochen.
      2. Selbst wenn du für dich klar festmachen kannst, was für Notwenigkeit ist und was entbehrlich ist, solltest und kannst du das für Andere nicht bestimmen. Das halte ich für sehr problematisch, bevormundend und erniedrigend.

      Natürlich verkrampft sich mein linksradikales Herz zusätzlich bei der in deinem Kommentar deutlich werdenden „Aber hey: Kapitalismus, Neoliberalismus, das gibt es nun einmal“-Haltung. Aber ich denke, da kommen wir sowieso auf keinen gemeinsamen Nenner. Deshalb würde ich hier gerne nur sagen: Es gibt auch andere Sichtweisen auf wirtschaftliche Verhältnisse, aus denen sich dann auch andere Konsequenzen herleiten, wie mit ungleichem Wohlstand umzugehen sei.

    • mom
      Am 31.07.2014 um 13:11:47 Uhr [Link]

      Ich zeige mich lieber in Bereichen solidarisch, wo ich eine Notwendigkeit erkenne. Ich mache z. B. ehrenamtlich Deutschnachhilfe für Flüchtlinge – ohne Deutschkenntnisse geht für diese Menschen einfach gar nichts hier – sie MÜSSEN Deutsch können, um einen Arbeitsplatz zu bekommen, ohne. Das. Geht. Es. Nicht. Und dafür setze ich mich gerne jahrein jahraus hin und lerne mit ihnen. Aber wenn eine Flüchtlingsmutter zu mir käme und eine Puppe für 200 Euro haben wollte, würde ich ablehnen, dafür Geld zu geben. Es gibt durchaus gute und schöne Puppen um einen kleinen Teil dieses Geldes – und ob man eine glückliche Kindheit hat, ist von anderen Faktoren abhängig. Meine Schwester und ich hatten z. B. eine wunderbare Kindheit, obwohl unsere Puppen ganz normale „Standardexemplare“ waren. (Dass Ellas Puppen wunderschön sind und mir fast die Tränen kommen, wenn ich diese individuellen, liebevoll gemachten Puppengesichter ansehe, sei mal hintenangestellt.)

      Friederike, Du hast genauso ein Anrecht darauf, diese Puppe zu kaufen wie ich ein Anrecht darauf habe, mir diese Puppe zu kaufen oder meinem Kind einen Auslandsaufenthalt oder was immer, wir können es uns halt nicht leisten. Finde ich erst mal nicht ungerecht.
      Aber wenn Leute mit niedrigem Einkommen keine ordentliche ärztliche Behandlung kriegen oder sie die Kinder mit 3 Euro 50 pro Tag gesund ernähren sollen oder ihre Kinder aus Kostengründen keine Nachhilfestunde bekommen können, DAS finde ich extrem ungerecht, denn da geht es um Grundbedürfnisse und Lebenschancen. Die Lösung dafür sehe ich einerseits in persönlicher Solidarität (z. B. Lesepatenschaft für Kinder, die Lernschwierigkeiten haben), aber vor allem auch in einer „großen“ politischen Lösung. Die Politik tendiert weiß Gott dazu, gesamtgesellschaftliche Problemlagen auf den Einzelnen abzuwälzen.

      @Distelfliege
      Klar, was sich für mich nicht notwendig anfühlt kann für jemanden anderen einen Gewinn an Lebensqualität bedeuten. Ich glaube aber schon, dass man in jedem System, in dem es um die Verteilung begrenzter Ressourcen geht, eine Hierarchie von Notwendigkeiten erstellen muss, kann und darf. Wenn in der Wüste das Flugzeug abstürzt und man nur fünf Dinge mitschleppen kann, wird man auch überlegen, was am Wichtigsten ist, und wahrscheinlich würden in diesem Bereich, wo man auf das zum Überleben Notwendige reduziert, die meisten Leute eine ähnliche Wahl treffen. Auf die Gesellschaft und die Grundbedürfnisse der Bürger bezogen sähe die Liste für mich (in beliebiger Reihenfolge) so aus:
      – Sicherheit (sowohl in der Gesellschaft allgemein als auch z. B. dass man in einer Familie geborgen aufwachsen kann)
      – grundlegende Versorgung mit Nahrung & Wohnraum
      – medizinische Versorgung
      – Zugang zu Bildung und der Möglichkeit, sich und den Seinen den Lebensunterhalt zu verdienen
      – das Gefühl, selbst Entscheidungen treffen zu können, „selbstwirksam“ zu sein, eine sinnvolle Arbeit tun zu können.

      Das ist der Bereich, in dem der Staat Geld in die Hand nehmen MUSS, und wo es nicht darum gehen darf, irgendwie Geld zu „sparen“, aber auch der Bereich für mich, wo ich sinnvoll meine Kräfte einsetzen kann und möchte.
      Was für den Einzelnen z. B. Selbstwirksamkeit oder Sicherheit bedeutet, wäre individuell natürlich verschieden.

      Ich will hier ungern eine Systemfrage stellen, weil mir das zu spekulativ ist – bis auf Jäger- und Sammlergesellschaften gibt es Ungleichheiten bei der Güterverteilung in jeder. Einzelnen. Gesellschaft. Das wird sich so schnell nicht ändern und ist für mich prinzipiell auch nicht verwerflich. Für mich ist viel interessanter die Frage nach den Mechanismen zur Herstellung von Gerechtigkeit, und die genauso spannende Frage: was ist gerecht? Womit wir wieder bei den Puppen wären…

      • Distelfliege
        Am 31.07.2014 um 18:28:33 Uhr [Link]

        Liebe mom, ich sehe mit einer ganz anderen Perspektive auf diese Puppensache. Ich bin nicht der Staat, der Ansprüche prüft und Bedürftigkeitslisten erstellt und festlegt, wofür Geld in die Hand genommen werden muss, und deshalb begebe ich mich ganz bewusst nicht auf eine solche Ebene.

        Zweitens, und ich sagte das schon: „Es gibt auch andere Sichtweisen auf wirtschaftliche Verhältnisse, aus denen sich dann auch andere Konsequenzen herleiten, wie mit ungleichem Wohlstand umzugehen sei.“
        Wenn du als Reaktion darauf lediglich dein „Es ist eben so“ wiederholst, nur diesmal mit einem Punkt hinter jedem. einzelnen. Wort, kann ich mich auch nur wiederholen: Wir kommen hier nicht zusammen und auch nicht ins Gespräch. Weil was kommt denn danach? „Arme und Reiche hats immer schon gegeben“ in Capslock und Ausrufezeichen?
        Ja, wie du meinst, das hats immer schon gegeben – guten Abend.

      • mom
        Am 01.08.2014 um 08:44:20 Uhr [Link]

        Liebe Distelfliege,
        was mich an vielen linken Perspektiven so stört ist, dass nach der großen, guten, antikapitalistischen Vision so wenig konkrete, gut funktionierende Umsetzungsmöglichkeiten genannt werden – zumindest habe ich noch keine überzeugenden Alternativen gefunden, die außer in sehr kleinen, speziellen Gruppen gut funktionieren. Und glaub mir, ich bin sehr daran interessiert
        Vielleicht weißt Du ja mehr (anscheinend bist Du ja mehr im Thema drin als ich) – dann hätte mich ein konkreter Hinweis sehr gefreut.

  10. wortschnittchen
    Am 31.07.2014 um 11:21:20 Uhr [Link]

    Mir gefällt die Idee gut. Vielleicht ist es auch eine Überlegung wert, bei vermögenden Privatpersonen anzufragen, ob sie eine Einlage in den Spendentopf machen möchten. Dann könnte der allgemeine Preisaufschlag pro Puppe etwas weniger hoch ausfallen und das Risiko gemindert, dass es den potenziellen Käufern _jetzt_ zu teuer würde. Ich weiß nicht, wie praktikabel das ist, aber grundsätzlich geschieht das alles auf Vertrauensbasis und wie immer finde ich: ausprobieren. Wenn es nicht funktioniert, weiß man es dann wenigstens.

    Und mit einem Anrecht auf Teilhabe an allem, wie von „mom“ beschrieben, hat das meiner Meinung nach nichts zu tun. Eher mit einer Haltung zur Gesellschaft, zum Leben, zum Vertrauen in andere Menschen.

    Das kann ja jeder so halten wie er mag. Aber ich finde es gut.

  11. Kitty Koma
    Am 31.07.2014 um 15:41:33 Uhr [Link]

    Ich finde die Diskussion sehr, sehr spannend. Weil „Wert der Arbeit“ eines meiner Grundthemen ist. Weil ich selbst in langen Jahren eigener Preisgestaltung eine Haltung dazu finden musste. Und nicht zuletzt, weil ich die Arbeit von Ella hoch schätze.

    Das inneliegende Problem der Selbstausbeutung einer Frau, die hart arbeitet und sich um eine Familie kümmert, die viel Aufmerksamkeit braucht, wird mit der Idee vom Solidaritätsfonds gut umgangen, das finde ich super. Damit reguliert sich auch der Umfang der subventionierten Arbeit unabhängig von der Macherin. Sie ist also nicht dafür verantwortlich, ob sie viel oder wenig subventionierte Dinge anbieten kann. Das find ich gut und wichtig.
    Dann kommt natürlich die Frage der Entscheidungskriterien: Wer ist bedürftig und wer nicht? Leute, die sich dafür erklären? Leute, denen man das ansieht? Leute, die einem vorgeschlagen werden? Ähnlich wie mit der Ratenzahlung ist das Internet nicht gerade ein Ort großer sozialer Kontrolle. Da kann man prima einen vom Pferd erzählen.

    Ich selbst habe mit Preisnachlässen für sozial schlechter Gestellte keine guten Erfahrungen gemacht. Daran sind nicht die Leute schuld, von denen ich weniger Geld für meine Leistungen verlangt habe, sondern eher diejenigen, die das mitbekamen, Neid entwickelten und das auch haben wollten – fühlten sie sich doch plötzlich mindestens genauso bedürftig (respektlose Schnäppchenjäger inklusive). Damit hatte ich eine Baustelle aufgemacht, die ich brauchte wie einen Kropf.
    Ich bin dazu übergegangen, bei Menschen, für die meine Arbeit wirklich entscheidend wichtig war und die sie nicht bezahlen konnten, gar keine Rechnung zu stellen. Das waren dann einige wenige Fälle. Aber den Leuten war klar, dass das eine Ausnahme vom Normalzustand darstellt und nicht in allgemeinem „geh mal zu der und sag, du hast wenig Geld“ münden kann.
    Mit einigen anderen habe ich seit Jahren eine Tauschbasis. Denn die wiederum können Sachen, die ich nicht kann, aber brauche.

    Als wir vorab über Twitter darüber diskutierten, hatte ich über den Wert von Handarbeit in hochindustralisierten Ländern reflektiert. Handarbeiten lernen kann mit etwas Zeitinvestition jeder Mensch, so wie jeder kochen lernen kann. Besondere Dinge gestalten kann nicht jeder.
    Für mich steckt der eigentliche Luxus in den Arbeiten von Ella darin, dass sie auch Arbeiten verrichtet (und nicht delegiert), die nicht schwierig, aber extrem zeitaufwändig sind. Den bezahlen Menschen, deren Zeit in anderer bezahlter Arbeit aufgeht, dann eben. Ich habe deshalb 20 Jahre keine Textilarbeiten gemacht. Jetzt, da ich wesentlich weniger arbeite und auch weniger verdiene, mache ich wieder welche, weil ich mir Dinge nach meinem Individualitäts- und Qualitätsanspruch nicht mehr leisten kann.
    Warum nicht auch erwarten oder in die Richtung arbeiten, dass eben diese Fleißarbeit allein fertig gemacht wird, statt Preise nachzulassen?
    Keine käme auf die Idee, einen berühmten Koch zu reduziertem Preis zu sich nach Hause einzuladen, damit die Kinder nicht immer Fast Food essen müssen. Einige Köche, denen gutes Essen auch für arme Leute am Herzen liegt, vermitteln ihr Wissen.
    Wäre das nicht auch ein Weg? Selbsthilfe?

  12. Frau M. vom Zehnten Stock Links
    Am 06.08.2014 um 16:53:53 Uhr [Link]

    Was für eine interessante Diskussion. Und ich bin ehrlich, eine richtig definierte Meinung habe ich nicht. Grundsätzlich finde ich es immer bedenklich, wenn man aus solidarischen Gründen den Wert seiner eigenen Arbeit unter den Scheffel stellt. Das mag bei Aktionen etc. ok sein, wenn aber exakt diese Arbeit dazu da ist, für das eigene Grundeinkommen zu sorgen, sehe ich das schon skeptisch.
    Die Idee mit den Puppen finde ich nicht schlecht. Aber es ist für mich schon mal ein unterschied, ob ich jemandem einen Kaffee spendiere für mit Sicherheit unter 5€ oder mal eben noch 10-20€ on Top spende. Und – ja, ich gebe es zu, ich bin da echt pessimistisch – auf die Dauer sehe ich die Gefahr daß es evtl ausgenutzt wird. Denn – Du hast es ja selbst geschrieben – wie möchtest Du die wirkliche Bedürftigkeit überprüfen? Du kannst nur auf die Ehrlichkeit vertrauen und wenn selbst Ratenzahlung nicht funktioniert – was ich echt super finde von dir als faires Angebot, dann weiß ich auch nicht.
    Aussagen wie „Das ist nun mal so.“ bringen einen auch nicht wirklich weiter, aber der richtige Weg hat sich für mich noch nicht aufgetan.
    Unabhängig davon freue ich mich aber immer wieder, wenn ich im Netz Leute finde, die auf den verschiedensten Wegen ihren Weg gehen, um einen kleinen Beitrag an die Gesellschaft zu leisten.
    Ich lese mich jetzt mal durch deinen Blog! Den finde ich nämlich ziemlich cool.
    Sei lieb gegrüsst.

Mehr lesen:

Vorheriger Artikel:
Nächster Artikel: