Warum man Handarbeit mögen und trotzdem eine coole Sau sein kann – ein Rant auf den DIY- feindlichen Text von Heide Fuhljahn.


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Bestimmt ist er auch schon in euer Internet geschwappt: Der Text von Heide Fuhljahn, in dem sie ein Ende des „DIY- Wahns“ fordert. Ich ärgere mich zugegebenermaßen sehr über diesen Text und über viele weitere, die in einer ähnlichen Tonlage geschrieben sind. Oder vielmehr: Ich ärgere mich darüber, dass ich mich so darüber ärgere, weil die Texte ja genau das bezwecken: möglichst hart polarisieren, damit möglichst viele Leute sich aufregen und der Text möglichst weit verbreitet wird. Und um das zu erreichen, werden sie polemisch bis nah an die Grenze der Unglaubwürdigkeit – mal ehrlich: dass eins 7 identische handgemachte Täschchen geschenkt bekommt, klingt schon sehr an den Haaren herbeigezogen.
Das könnte mir noch egal sein, aber der Text von Frau Fuhljahn ist auch noch in mehrerlei Hinsichten diskriminierend. Beispielsweise verhohnepiepelt sie darin Menschen mit Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom, was schlicht ableistisch ist¹. Sie  betreibt Victim- Blaming , wenn sie nahelegt, man sei selbst schuld, sich in einer Vergewaltigungssituation nicht selbst helfen zu können, weil man seine Freizeit an Handarbeit vergeudet habe, statt besser Mixed Martial Arts zu erlernen. Und vollkommen egal, ob derartige Ekelhaftigkeiten nur für die Klicks geschrieben werden, oder eine ernstgemeinte Haltung sind: Ich kann gar keinen so großen Beutel häkeln, wie ich zum kotzen bräuchte, wenn ich sowas lese.

Ich bin so müde geworden Texte dieser Art zu lesen. Nichts desto trotz will ich darauf eingehen; denn ich schreibe hier ja ein politisches Handarbeitsblog, und das pfeifen, dass ihr jetzt im Hintergrund hört, ist Frau Fuhljahns Weltbild, dem bei der Kombination dieser beiden Wörter gerade die Luft ausgeht. Denn, so lesen wir in ihrem Text, „in Deutschland schreiben meist Männer politische Blogs. Die aktive, unbequeme Gestaltung unserer Gesellschaft ist bei zu vielen Frauen out“ – laut Frau Fuhljahn ganz besonders bei denen, die gerne nähen, häkeln und stricken. Frauen, die sich für Handarbeit interessieren, so erfährt man in ihrem Text, interessieren sich ja auch sonst nur für leichtverdauliche Aktivitäten wie Yoga oder Bauch- Beine- Po- Gymnastik, und alles andere ist uns zu anstrengend. Einmal die Möglichkeit ausgeschlagen, Pilotin, Verlegerin oder Kampfsportlerin zu werden, haben wir all unser emanzipatorisches Potenzial vergeudet. Wenn wir uns schon unbedingt solchen niederen Tätigkeiten widmen wollen, dann doch bitte im stillen Kämmerlein und nach unserem Feierabend in einem möglichst angesehenen Job, neben dem dieser Hobby- Fehlgriff wenigstens noch irgendwie putzig aussieht. Also, wenn die Pilotin abends im Hotelzimmer Socken strickt, um runterzukommen, ist das gerade noch okay. Wenn eine Hobbystrickerin für ein Paar Strümpfe aber 30 Euro haben möchte, weil sie handgestrickte Socken, das Können und die Arbeit, die darin stecken, als wertvoll erachtet, ist das lächerlich. Handarbeit ist, wenn es nach Fuhljahn geht, unbedeutend und anspruchslos und passt einfach nicht mit Politik oder anderen wirklich wichtigen Dingen in der Welt zusammen. Wer sich für das eine entscheidet, kann nicht mehr Teil des anderen sein. Was für ein Blödsinn.

Heide Fuhljahn ist, das verrät die Bildunterschrift, 40 Jahre alt – und ihre Ansichten, allen voran ihr Frauenbild, ist mindestens 10 mal so alt. Auch ist das P1140972überholte Bild der Autorin von Handarbeit als etwas Triviales, Minderwertiges ist eigentlich längst Schnee von vor- vorgestern: Frauen, die sich in ihrer Freizeit, oder vielleicht sogar beruflich der Handarbeit widmen (anstatt etwa Pilotin zu werden), mangelt es ihrer Vorstellung nach an Disziplin und Biss, etwas schwierigeres und angeseheneres als diesen Bastelkram da zu erlernen. Das ist soooo 20. Jahrhundert, und ich erinnere an dieser Stelle gerne nochmal an Jasnas großartigen Text über Wert und Wertschätzung von Handarbeit, der einmal mehr eine gute Antwort auf die allgemeine Geringschätzung von Handarbeit ist. Als eine, die seit 5 Jahren ein Kleinunternehmen mit Handarbeit betreibt, die x Schulungen bei der IHK dafür gemacht hat; sich monatelang in Steuerrecht und Buchhaltung eingearbeitet hat; deren Produktpreise betriebswirtschaftlich kalkuliert sind, die seit 8 Jahren mit keine ihrer Nähmaschinen mehr beim / bei der Techniker _In war, weil sie sich selbst beigebracht hat, wie man sie repariert, und als eine die bei der Konstruktion ihrer Quilts auch immer wieder Algebra anwenden muss, lächle ich milde, wenn mir jemand zu erzählen versucht, mein Job sei lahma*schiger Bastelkram, nur weil er im Handarbeits- und DIY- Bereich stattfindet.

Ich will damit nicht sagen, dass mein Job anspruchsvoller wäre, als der einer Pilotin, aber er ist eben auch bei weitem nicht ein solcher Killefitz, wie leider immer noch viele Menschen meinen. Und das gilt auch dann, wenn die Handarbeit  nicht als Job, sondern als Freizeitbeschäftigung ausgeübt wird. Das Verstehen, Beherrschen und Weiterentwickeln von Fähigkeiten ist wertvoll, ganz gleich, um welcherlei Skills es sich dabei handelt. Und ich möchte, dass das anerkannt wird. Ich bin der Pilotin sehr dankbar, dass sie so viel Arbeit und Anstrengung investiert hat, um mich sicher in den Urlaub fliegen zu können. Falls sie neben ihrer Ausbildung keine Zeit hatte, das 1×1 der Handarbeit zu erlernen, zeige ich mich übrigens gern behilflich, wenn sie mal einen losen Knopf an ihrer Uniform hat. Und natürlich freue mir ein Loch in meine selbstgestrickte Mütze, wenn die Pilotin sich abends im Hotelzimmer unter einem Quilt schlafen legt, den ich genäht habe, und den sie vielleicht als kleines Stück Zuhause in ihrem Rollköfferchen immer dabei hat. Es könnte so schön sein, wenn wir unsere unterschiedlichen Interessen und Fähigkeiten aneinander wertschätzen würden, anstatt zu versuchen, die Wertigkeit unserer Jobs zu vergleichen und uns gegenseitig niederzumachen.

15194641946_8c2e4893f2_oAber das ist vermutlich utopisch. Denn solange Menschen wie Frau Fuhljahn versuchen, anderen Frauen, die gerne handarbeiten, zu erklären, dass sie sich damit unfeministisch verhalten, ist in der Hinsicht kein Blumentopf zu gewinnen. Eigentlich müsste hier auch die Rede von anderen Menschen sein, anstatt immer nur von Frauen zu sprechen – denn DIY und Crafting ist längst kein reines Frauen-Ding mehr (und war es wahrscheinlich sogar niemals), sondern begeistert längst Menschen jeder Geschlechtlichkeit. Bei weitem nicht allen SelbermacherInnen geht es darum, Eskapismus zu betreiben, und sich in einer Welt aus Polka Dots und bunten Wimpelketten vor der Realtität zu verstecken. Und selbst wenn – so what? Die einen entspannen sich beim Sport oder beim Lesen, die anderen eben durch Crafting. Aber für eine wachsende Zahl von uns DIY- Menschen wird Dinge selbst machen zum politischen Mittel mit den unterschiedlichsten Schwerpunkten – um dem Markt einen Teil unserer Kaufkraft zu entziehen, zum Beispiel. Oder um „das mit den Näherinnen in Bangladesch“  eben nicht zu unterstützen. Um nicht auf Industrieware angewiesen zu sein, sondern uns Dinge nach unseren Vorstellungen von Ästhetik und Qualität selbst machen zu können. Um durch Recycling und Upcycling Teil der Lösung für unser Müllproblem zu sein. Und ja, auf Fähigkeiten, die einem das ermöglichen, darf man stolz sein, und darüber darf man sich auch als erwachsener Mensch freuen, wie ein kleines Kind.
Lasst euch also nicht niedermachen von abschätzigen Texten dieser Art. Seid selbstbewusster und stolzer Teil einer Gemeinschaft von Selbermacher_Innen. Was ihr macht, was wir machen, ist von Bedeutung, und es ist von Wert.

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¹) …ganz abgesehen davon, dass Frau Fuhljahn offensichtlich auch nicht weiß, was ADS ist – denn mit der Suche nach Aufmerksamkeit hat das nichts zu tun.