Wie eine Umarmung von Papa, Teil 1: Quilts aus der Kleidung eines verstorbenen Vaters.

Der letzte Quiltauftrag für dieses Jahr ist ein ganz besonderer – in mehrerlei Hinsicht. Besonders ist, dass ich für eine Kundin gleich zwei Quilts nähen werde. Besonders ist auch, dass beide Quilts fast aussschließlich aus Kleidung bestehen werden. Die beiden Quilts werden Weihnachtsgeschenke sein für zwei Jungs, und sie werden gemacht sein aus den Hemden und Shirts ihres an Krebs verstorbenen Vaters.

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Insbesondere der letzte Aspekt macht diesen Auftrag so besonders und hat mich nicht nur traurig gemacht, sondern auch sehr zum Nachdenken angeregt. Daher werde ich über diese beiden Quilts in mehreren Episoden schreiben. Heute geht es um den Umgang mit einem solchen emotional beladenen Auftrag, und um den Umgang mit dem „Material“, also mit der Kleidung, die ich dafür geschickt bekam.

Wenn ich mir so vor Augen halte, welche Dimensionen dieser Auftrag hat, denke ich immer wieder: Uff. Was für eine traurige Geschichte. Man kann sich 15787931269_a91819cb85_knicht wirklich vorstellen, was diese Familie hinter sich hat; wieviele schwere Tage und Wochen sie durchlebt hat, und wie viel Trauer auch in der Zukunft noch vor ihr liegt. Andererseits: Wow. Was für ein Vertrauensbeweis in meine Arbeit. Von Anfang an bestand dieser Auftrag aus diesen beiden Seiten einer Medaille, und mir wurde schnell klar, dass es vollkommen okay ist, wenn mir beim Nachdenken über das Schicksal dieser Familie Tränen in die Augen steigen- dass es andererseits aber auch mein Job ist, mich von dieser emotionalen Ebene zu distanzieren und zwei professionelle Quilts anzufertigen. Ich gebe zu, dass ich ein bisschen Anlauf gebraucht habe, bis mir das gelungen ist.

Alexandra schickte mir einen großen Karton, der erstmal ein paar Tage ungeöffnet blieb bis ich einen ruhigen Moment fand, mich ihm zu widmen. In einer ihrer Mails hatte sie geschrieben, dass es ihr nicht leicht gefallen sei, die Kleidung ihres verstorbenen Mannes zu sortieren. Weil sie immer noch seinen Körpergeruch enthielte. Als ich den Karton öffnete, entströmte ihm tatsächlich ein intensiver Duft, der noch eine viel tiefere Note, als bloß die von frisch gewaschener Wäsche besaß. Zu wissen, wie wertvoll genau dieser Duft dieser Frau und den Kindern ist, ließ mir einen großen Kloß im Hals wachsen, und trieb mich in den Tagen danach sehr um. Während ich die Kleidungsstücke sortierte – Karohemden, Shirts, Teile eines Hochzeitsanzugs – musste ich ein paar mal pausieren und tief durchatmen. Danach war ich immer darauf bedacht, den Karton nicht offen stehen zu lassen, damit bloß dieser Duft erhalten bliebe. Gleichzeitig verband ich diesen Duft unmittelbar mit der Tragik der Geschichte hinter diesem Auftrag. Er wurde schnell zum Sinnbild der emotionalen Komponente dieses Auftrags und einer Art Hürde, die ich übersteigen muss, um mich auf die professionellen Aspekte meiner Arbeit zu konzentrieren.

15351709984_a49d81226f_kDann begann ich mit der Zuschneidearbeit: Die Kleidungsstücke mit der Stoffschere zerschneiden, dann mit Lineal und Rollschneider in Streifen und Quadrate teilen. Anfangs waren der Duft und der Kloß im Hals noch sehr präsent, doch je mehr ich ins Tun geriet, desto leichter war es plötzlich, die traurigen Gedanken dieser Geschichte gehen zu lassen und mich um all die schönen Aspekte dieser Quilts zu kümmern. Bald war der Duft der Kleidung eine liebenswürdige Begleitung meiner Arbeit und ich konnte mich auf das Material konzentrieren, mit dem ich arbeitete; auf die unterschiedlichen Stoffe, Farben, Muster, und darauf, wie die einzelnen Kleidungsstücke am besten zerteilt werden, im den Stoff so ergiebig wie möglich nutzen zu können.

Zuschneidearbeit ist relativ eingängige Arbeit, bei der die Gedanken nebenher ein bisschen Freilauf genießen können. Vor meinem inneren Auge sah ich zwei Jungs, zwei Schulkinder, deren Betten tagsüber mit diesen Quilts abgedeckt sind. Die sich vielleicht unter diese Decken kuscheln, wenn sie krank sind, oder darauf sitzen und ein neues Legoset zusammenbauen. Zwei Teenager, die diese Quilts vielleicht für ein paar Jahre in die hinterste Ecke des Schranks verbannen. Zwei flügge gewordene junge Männer, denen es wichtig ist, diese Erinnerungsstücke mitzunehmen, wenn sie von zuhause ausziehen. Zwei verliebte Kerle, die dem Mann oder der Frau ihres Herzens mit feuchten Augen und lächelnden Lippen anhand dieses Quilts die Geschichte ihres Vaters erzählen. Zwei  Studenten fortgeschrittenen Semesters, in deren Wohnungen die Quilts einen festen Platz haben. Zusammengelegt auf dem Sofa. Als Spieldecke für das erste Kind. Als Überwurf für den Lieblings- Lesesessel. Und egal welchen Alters die beiden Jungs sind, die ich mir vorstelle: Natürlich werden sie immer wieder traurig sein über den Verlust ihres Vaters. In diesen Momenten, hoffe ich, können ihnen die Quilts vielleicht Trost spenden. Dann sehe ich sie vor mir, wie sie von den Quilts aus der Kleidung ihres Papas über ihren Schultern umarmt werden.

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Mit all diesen kleinen Geschichten, die ich mir ausmalte, verlor der Auftrag seine Schwere und gewann an schönen, tröstlichen Aspekten. So wünsche ich mir auch, dass die beiden Quilts, die hier entstehen, keine schweren Decken aus belastenden Erinnerungen sein werden. Sondern Lieblingsstücke, die man gerne um sich hat, die ganz selbstverständlich auf dem Sofa liegen können; die es leicht machen, die Erinnerung an eine liebe Person Teil des alltäglichen Lebens sein zu lassen. Den Gedanken, dass durch diese Quilts „etwas“ von der verstorbenen Person; sei es ihr Spirit, ihre Seele, oder die Erinnerung an sie, auf eine angenehme, wohlige Art Teil des Lebens der Hinterbliebenen ist, lässt es mir warm ums Herz werden.

Die Arbeit daran fällt mir nun leicht; ich freue mich sehr, dass ich so eine wichtige Aufgabe übernehmen darf. Nachdem ich nun alle der insgesamt 770 Einzelteile für die beiden Quilt Tops fertig zugeschnitten habe, freue ich mich darauf, sie bald fertig zusammengenäht vor mir zusehen. Was ich mir zum Layout dieser beiden Memory Quilts ausgedacht habe, könnt ihr dann in der nächsten Episode dieser kleinen Reihe lesen.

***

Quilt- Anfragen für 2015 könnt ihr mir über das Kontaktformular stellen.
Auf die große Frage: „Was kostet sowas?“ habe ich hier schonmal geantwortet.

18 Kommentare

  1. Frische Brise
    Am 08.12.2014 um 10:43:19 Uhr [Link]

    Jetzt habe ich den Kloß, die Tränen im Auge und das Lächeln auf den Lippen.

    Das hast Du so wunderbar geschrieben und ich bin mir sicher, dass die Quilts die Jungs ganz wunderbar durch ihr Leben begleiten werden.

  2. christel
    Am 08.12.2014 um 11:40:32 Uhr [Link]

    Bei „Frische Brise“hab ich den Hinweis auf diesen Bericht gelesen.
    Eine große wichtige Aufgabe hast Du übernommen.
    (Tränen fließen)
    Herzliche Grüße von Christel

  3. Chris
    Am 08.12.2014 um 13:15:00 Uhr [Link]

    Hammer Geschichte und da fließen einem wirklich die Tränen über die Wangen.
    Bin ja selbst betroffen und gegen den Krebs Kämpfer und kann mir sehr gut vorstellen wie wertvoll deine Arbeit für die Hinterbliebenen ist.

  4. die Perlenmama
    Am 08.12.2014 um 13:21:03 Uhr [Link]

    Oh wie wunderschön und schrecklich traurig. Das ist wirklich eine ganz besondere Arbeit, die du da leistest. Tolle Idee.

  5. dorothy_jane
    Am 08.12.2014 um 13:51:51 Uhr [Link]

    *tief durchatmen*

    Bei so einem Text wird mir (nochmals) bewusst, warum es dir wichtig ist, die Möglichkeit sich einen Quilt leisten zu können, auch für weniger Begüterte möglich zu machen. […und dafür fehlt mir hier gerade ein flattr-Button, um einfach eine kleine Spende in so einen Topf zu werfen.]

    Du leistest hier wunderbare (Trauer)Arbeit und ich bin mir sicher, dass deine guten Wünsche und Gedanken sowie die kleinen Geschichten „durch die Quilts zu ihren Besitzern transportiert werden“.

    Ganz großes Hach. <3

    • ella
      Am 08.12.2014 um 13:53:02 Uhr [Link]

      Ja, über einen flattr- Button dachte ich auch schon nach. Ich glaube, ich mache das für genau diesen Zweck einfach.

  6. Sabine
    Am 08.12.2014 um 14:15:44 Uhr [Link]

    Tief berührt lese ich deinen einfühlsamen Bericht zu diesem Sinn gebenden Auftrag. Ich danke dir sehr fürs Teilen und deine Offenheit, uns an deinen persönlichen Empfindungen teilhaben zu lassen. Ich werde mir erlauben, bei meiner nächsten Trauerbegleitung auf die Möglichkeit einer Quiltherstellung hinzuweisen. Alles Liebe dir und nochmals Danke!

  7. Birgit
    Am 08.12.2014 um 14:18:29 Uhr [Link]

    Welch ein wundervoller „Auftrag“, ich bin total gerührt und beim lesen Deines Posts liefen ein paar Tränen ! Eine wunderschöne, emotionale Idee ! Die Kinder werden sich sehr freuen ! Wahnsinn oder ?! wie man sich an den eigenen Geruch eines Menschen erinnern kann !
    Liebe Grüße und der Familie wünsche ich ganz viel Spaß mit diesem wunderbaren Quilt !
    Birgit

  8. Inka
    Am 08.12.2014 um 15:14:55 Uhr [Link]

    Mit Tränen in den Augen denke ich an den Duft, den die letzten Kleidungsstücke meiner Mutter noch verströmen und kann so mit dir und der Familie fühlen.

    Wunderbar, dass die Mutter ihren Jungs so tolle Wegbegleiter durch dich anfertigen lässt!

  9. die Nachbarin
    Am 08.12.2014 um 18:29:52 Uhr [Link]

    Was für eine tolle Geschichte, bin gespannt auf das Endergebnis!
    Für die zurückgebliebende Ehefrau sicherlich ein schwerer Akt, weil diese Kleidung ja irgendwie noch der Mann, der Papa ist. Es ist alles, was noch übrig ist.

    Aber mit diesen beiden Decken können die Kinder noch länger an der Erinnerung dran festhalten.

  10. Tüt
    Am 08.12.2014 um 18:57:31 Uhr [Link]

    Da muss ja auch ich ein bisschen schlucken, sentimental, wie ich bin.
    Schon den ersten Memory Quilt, den du hier vorgestellt hast, fand ich supertoll. Aber einen aus der Kleidung eines verstorbenen zu haben/zu nähen ist ja nochmal eine ganz andere Schiene. Ich kann gut verstehen, dass du damit nicht sofort umzugehen wusstest. Die Formulierung, dass es eine Umarmung des Vaters wird, finde ich wirklich, wirklich toll. Die Jungs werden die Decke bestimmt lieben.

  11. Frau Miest
    Am 08.12.2014 um 19:01:44 Uhr [Link]

    Ich schrieb’s vorhin schon mal auf twitter: Es ist so schön. So traurig und so rührend und so wundervoll schön. Und ganz sicher: Für solch einen Quilt würde ich auch über flattr spenden.

  12. Sybille
    Am 08.12.2014 um 19:30:37 Uhr [Link]

    Ich hab jetzt beim Lesen auch einen Kloß im Hals. Es ist schön, dass du über diese Arbeit, den Hintergrund und vor allem deine Gedanken dazu berichtest. Überhaupt ist das wirklich ein ganz, ganz besonderes Projekt, irgendwie hat es etwas Magisches an sich, diese Verbindung zwischen dem Materiellen (Stoff) und den Erinnerungen und Wünschen, die Vergangenheit mit Zukunft verbinden.

  13. Regina
    Am 09.12.2014 um 10:13:42 Uhr [Link]

    Wunderbar!!! Alles Gute für diese Arbeit und für die betroffene Familie natürlich auch! Liebe Grüße
    Regina

  14. blumenpost
    Am 10.12.2014 um 21:45:02 Uhr [Link]

    Wow!
    Ich lese so gern wenn du von Fortschritten deiner Arbeit berichtest. Diese Quilts werden wirklich etwas ganz besonderes. ♥

  15. Mareike
    Am 11.12.2014 um 11:47:33 Uhr [Link]

    … so in den Sog der Geschichte und meiner eigenen Gedanken gezogen worden, dass mir glatt die Milch aufm Herd übergekocht ist. ;-)

  16. Eva-Maria
    Am 13.12.2014 um 01:42:48 Uhr [Link]

    Als Tochter eines früh verstorbenen Vaters kann ich Dir bestätigen, dass es von unschätzbarem Wert ist, mehr als ein Grab und ein Foto von dem geliebten Menschen zu haben.
    Mein Vater war freischaffender Künstler und ich habe 1000ende von Zeichnungen, Skizzen, Objekten und große Bilder, die ich (wir) immer um uns haben, und so ist er immer da. Manchmal fällt eins runter, und dann denke ich: „Ja Papa, alles ok!“.
    Immer in Blickweite muss das kleine Ölbild sein, auf welchem er den Blick aus meinem Kinderzimmerfenster festgehalten hat. Kräftige Farben, sommerliche Felder und unverbaut, jetzt gibt es diese Aussicht nicht mehr, es wurde gebaut.
    Dieses Bild hat immer einen besonderen Platz. Und zieht immer meine Blicke auf sich.
    Großartige Aufgabe, die Du da hast!
    Lg Eva

  17. Claudine
    Am 18.12.2014 um 01:11:58 Uhr [Link]

    Liebe Ringelmiez, auch ich arbeite gerade an 3! solcher Quilts meiner plötzlichst verstorbenen Schwiegermutter als Geschenk für meine Schwägerinnen. Das betrachten der einzelnen Kleidungsstücke, zerschneiden, zurichten und bügeln weckt Erinnerungen und Gefühle in mir die überhaupt nicht abzusehen waren. Selbst meine Tochter (8) die die Oma sehr vermisst ist bei mir im Nähzimmer und genießt den Duft des ihr so vertrauten Menschen sie hüllt sich in Blusen, Bettwäsche , Tichdecken usw. um die Oma zumindest zu riechen. Unsere Gespräche drehen sich dann ausschließlich um sie. Auch ihr werde ich einen Qilt nähen in der Hoffnung ihn nie waschen zu müssen. Diese Arbeit stärkt mich innerlich ungemein aus dem was man hat etwas Neues zu machen aber es ist das Alte das einen einhüllt und geborgen sein lässt.

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