Wie eine Umarmung von Papa, Teil 2: Über die Arbeit mit Kleidung und tröstende Sterne.

Die beiden Quilts für zwei Jungs, die ich aus Kleidung ihres verstorbenen Vaters nähe, befinden sich bereits in der heißen Vollendungsphase. Heute möchte ich euch in Episode 2 dieser kleinen Reihe etwas über den Hintergrund ihrer Gestaltung und ein paar technische Kniffe bei der Verarbeitung von Kleidung zu Quilts erzählen.

Quilts aus Kleidung zu nähen, stellt eine_n vor so manche Herausforderung. Denn die Stoffe, aus denen die Kleidungsstücke bestehen, sind alle unterschiedlich dick; einige Stoffe sind dehnbar, andere nicht. Sie haben alle unterschiedliche Strukturen und sind farblich nie so aufeinander abgestimmt, wie ein Quilt das ist, für den man die einzelnen Stoffe passend zueinander aussucht. Es kostet einigen Aufwand, damit man am Ende ein möglichst präzises und harmonisch wirkenden Endergebnis in den Händen halten kann. Um die Unterschiede zwischen dicken, festen Jeansstoffen, dehnbaren Jersey und flatterdünnen Sommerhemden etwas einebnen zu können, arbeite ich viel mit hauchzarten, aufbügelbaren Vliesen. Diese machen zarte Stoffe etwas robuster und dehnbare weniger flexibel, so dass sich alles präzise zuschneiden und einfacher miteinander kombinieren lässt.

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Nichts desto Trotz bleiben die Materialien unterschiedlich und schwieriger zu verarbeiten, als einheitliche Baumwollstoffe, die alle die gleiche Dicke und Festigkeit haben. Der Nachteil dieser Vlies- Methode ist, dass die Quilts sich dann nicht mehr von der Rückseite bügeln lassen – das Vlies ist ein Synthetikgewebe, dass den Kontakt mit dem heißen Bügeleisen nicht übersteht. Man muss sie von vorne bügeln – und dabei wiederum aufpassen, dass man bedruckte Shirt-Stücke nicht zerstört. Wenn man vorher exakt und sorgfältig gearbeitet hat, gelingt das ganz gut. Quilts aus Kleidungsstücken werden dennoch nie so perfekt einheitlich aussehen, wie Quilts aus Stoddstücken mit gleicher Qualität.

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Veröffentlichung mit Erlaubnis der Urheberin

In Episode 1 habe ich euch erzählt, welche Rolle der Duft dieser Kleidung spielt. Diesen Duft gibt es immer noch; er ist sehr intensiv und begleitet mich täglich bei der Arbeit an den beiden Stücken. Seit die Hemden, Shirts und Hosen ihre Gestalt gewechselt haben und in Form gleichgroß zugeschnittener Quadrate auf einem großen Bogen fester Pappe in meiner Werkstatt liegen, fällt es mir sehr viel leichter, den emotionalen Teil dieses Auftrags zugunsten des professionellen Umgangs damit ein bisschen nach hinten zu schieben. Trotzdem lässt es mich auch nicht kalt, wenn ich dann ein Foto sehe, auf dem der verstorbene Mann der Kundin die Hemden trägt, die ich just zerschnitten habe.

In solchen Momenten halte ich mir vor Augen, wie viel Schönes in diesem Auftrag steckt. Bei der Ausarbeitung des Entwurfs für die beiden Quilts, war von vorne herein klar, dass die Kleidung des Verstorbenen im Vordergrund stehen soll. Sie macht den Charakter dieser beiden Stücke aus. Dennoch finde ich es schön, wenn die vielen Quadrate etwas aufgelockert werden. Hier haben wir uns (also die Kundin und ich) für Sterne entschieden. Im Himmel sein, zu den Sternen reisen, sich bei einer Sternschnuppe was wünschen, etwas steht in den Sternen…es gibt so einige Redewendungen und Bräuche, bei denen Sterne zusammentreffen mit verstorbenen Personen, sind aber gleichzeitig auch positiv besetzt und werden mit Wünschen und Träumen assoziiert. Einzelne, unregelmäßig verstreute Sterne- Blocks zwischen all den Kleidungs- Quadraten finde ich daher eine schöne Symbolik. Die Sterne geben den Quilts etwas Fröhliches, ohne sich zu sehr in den Vordergrund zu stellen.

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Das ist es, was ich diesen Quilts mitgeben möchte: Ich möchte die traurige Geschichte dahinter nicht verleugnen oder kleinreden. Aber ich wünsche mir, dass diese Quilts als etwas schönes, tröstliches, heilsames empfunden werden. Sie sollen kein unangenehmer „schwarzer Fleck“ auf dem Sofa sein, an dem man schnell vorbeigucken muss, um nicht traurig zu werden. Im Idealfall sind sie ein ganz normales Stück des alltäglichen Gebrauchs, das man gerne anschaut und benutzt. Nach meinem ersten Blogposting zu diesen beiden Quilts erreichten mich viele Mails mit Nach- und Anfragen dazu, und einige davon benutzten das Wort „Trauerquilt“. Ich finde, das klingt zu schwer, zu düster. Ich würde den Quilts gerne einen froheren Namen geben – momentan nennen ich sie Trostquilts.

16003648032_bc0a6355c1_oDetails aus dem Leben oder der Krankengeschichte des Verstorbenen kenne ich übrigens nicht. Ich frage auch nicht danach, weil ich finde, dass es mich in meiner Rolle als Dienstleisterin nichts angeht. Ich fände es auch anmaßend, in den omnipräsenten Duft der Kleidung die Anwesenheit von etwas oder jemandem hineinzuinterpretieren. Als ich aber eines Morgens die Werkstatt betrat und der einzige Sonnenstrahl, der die dicke Wolkendecke durchbrach, mit aller Kraft genau auf das Abends zuvor fertiggestellte erste Quilt Top schien, hatte das schon etwas Magisches.

Das nächste Mal, wenn ich über diese Quilts schreibe, werden sie schon fertiggestellt und auf der Reise zu den beiden Jungs sein. Endspurt!

***

Den ersten Teil der Geschichte zu diesen Quilts kannst du hier nachlesen.
Quiltanfragen für 2015 gerne über das Kontaktformular.
Und was kostet so ein Quilt? Ein kleiner Einblick in meine Preisgestaltung.

 

 

 

 

3 Kommentare

  1. Ina Esspunkt
    Am 15.12.2014 um 13:43:22 Uhr [Link]

    W U N D E R V O L L

    mehr kann und braucht man dazu nicht sagen! Es ist eine so großartige Idee dahinter. Ich hoffe den Jungs hilft der Quilt etwas und gibt ihnen Schutz

  2. TM
    Am 15.12.2014 um 16:33:36 Uhr [Link]

    Gerade das letzte Bild ist so wunderschön. Du machst und hast eine tolle Arbeit.

  3. Irene
    Am 15.12.2014 um 18:22:09 Uhr [Link]

    Danke, das du uns teilhaben lässt.

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