Wir brauchen keine Kinderbuchverlage, die sexistische Kackscheiße reproduzieren.

Meine allmorgendliche Internetrunde begann heute mit einem Aufreger: Ein bekannter und seit Jahrzehnten etablierter Kinder- und Schulbuchverlag wirbt auf mehr als fragwürdige Weise für ein Jugendbuch. Auf einem „ultracoolen Mädchen- und Jungsposter“ zum Buch wird der Junge als intelligent und sportlich dargestellt, während das Mädchen neben ihm halbnackt im Bikini steht, ihr Kopf als „Hohlraum“, ihr Mund als „Quasselstation“ und ihre Füße als „Stöckelschuhhalter“ definiert werden. Auf der Verlagssseite zum Buch wird deutlich, dass Kern dieser Geschichte die Rivalität zweier Jungs um ein Mädchen ist, wobei das Mädchen selbst recht offensichtlich keine eigentliche Rolle spielt, sondern nur erzählerischer Gegenstand ist. Der Verlag selbst beschreibt diese Geschichte als „witzig und respektlos“

– und das ist der Moment, an dem ich stutze. Der Verlag selbst beschreibt seine eigene sexistische Kackscheiße als respektlos. Das kann eigentlich nur Kalkül sein nach dem Motto: Jede PR ist gute PR. Und es ist der Grund, warum ich weder den Verlag, noch das Buch oder das Poster an dieser Stelle verlinke. Einem Verlag, der es absichtlich auf einen Shitstorm dieser Art anlegt, möchte ich nicht zusätzlich Reichweite verschaffen. Aber wie reagiert man darauf? Aufregen tut es einen doch trotzdem, und irgendwie muss dennoch klar gemacht werden, dass sowas einfach nicht geht – auch nicht als „Satire“, oder wie auch immer dieser Verlag seinen Bullshit in absehbarer Zeit rechtfertigen wird.
Mein Vorschlag: Diesen Verlag mit seiner auf Erniedrigung basierenden PR-Kampagne ab sofort boykottieren. Stattdessen noch heute zum Buchladen gehen und ein mädchen- oder queerness-empowerndes Kinderbuch kaufen – oder bestellen, falls es nicht vorrätig ist. Fotografieren, twittern, und jenem blöden Verlag danken, dass er euch dran erinnert hat, dass es coolere Kinderliteratur von anderen Verlagen gibt und er sich damit selbst überflüssig macht.

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#dankeoetinger, dass du dich mit deiner sexistischen Kackscheiße selbst überflüssig machst, und uns dran erinnerst, dass es von anderen Verlagen viel coolere Kinderbücher gibt, als deine!

Du gehörst dazu: Das große Buch der Familien (*) – ein Buch, das zeigt, wie vielfältig Familie sein kann. Strickende Väter, arbeitende Mütter, Zwei Müttern, zwei Väter, alleinerziehende Elternteile – und das klassische heteronormative Familiebbild von „Vater, Mutter, Kind“ als einzig „richtige“ Vorstellung von Familie wird ganz bewusst als „von ganz früher“ bezeichnet.

Ich hasse Rosa! (*)- ein Buch, das sich mit der Frage beschäftigt, warum bestimmte Sachen eigentlich nur für Jungs oder nur für Mädchen da sein sollen. Darf man als Junge nicht mit Puppen spielen? Muss man als Mädchen rosa mögen?

Unsa Haus – zeigt ein breites Spektrum an Familienkonstellationen, und dass „Familie“ eben längst nicht mehr nur Vater, Mutter, Kind meint

Jette sagt nicht immer Ja: Nein sagen lernen(*) Ein Buch über ein Wort, dass viele Eltern nicht gerne sagen, dass ich aber für sehr wichtig halte: Mir ist viel daran gelegen, dass meine Kinder das Wort „NEIN!“ sowohl zu akzeptieren lernen, wenn es andere sagen – als auch, es selbst laut und kraftvoll auszusprechen, wenn sie selbst etwas nicht möchten.

Zwei Papas für Tango – ein sehr süßes Buch, dass sich auch schon für kleinere Kider eignet und noch dazu auf einer wahren Begebenheit basiert: Ein Pinguinbaby wird von zwei Pinguinpapas großgezogen, und nebenher werden viele typische Fragen im Zusammenhang mit gleichgeschlechtlicher Elternschaft beantwortet.

Echte Kerle (*): nimmt die stereotype Geschlechtszuschreibungen zwischen Jungs und Mädchen humorvoll aufs Korn.

Luzie Libero und der süße Onkel –  eine Kindergeschichte, in der es ganz selbstverständlich ist, dass ein Mädchen Fußball spielt und sich zwei Jungs zueinander hingezogen fühlen.

Wie Lotta geboren wurde – Dieses Buch erzählt, wie Lotta von ihrem Papa geboren wurde. Ein sehr süßes kleines Buch über Trans*-Elternschaft

Als Mama noch ein braves Mädchen war(*) – ein witziges Kinderbuch, das deutlich macht, das Mädchen eben nicht immer brav und angepasst zu sein haben.

Außerdem:
Fembooks ist ein Online-Buchhandel speziell für feministische Literatur. Dort gibt es auch eine Kinderbuch-Sparte.
Macht feministische Literatur für kleine Kinder überhaupt Sinn?
Gute Rezensionen vermeintlich (f)empowernder Kinderbücher gibt es hier – längst nicht alles, was feministisch/empowernd oder queerfreundlich daherkommt, ist tatsächlich empfehlenswert.

Viele weitere Vorschläge für coole Kinderbücher, die heteronormative und sexistische Stereotype längst hinter sich gelassen haben, findet ihr auf dieser Seite von den Regenbogenfamilien NRW. Wenn ihr weitere Vorschläge für tolle Kinderbücher dieser Art habt, schreibt sie gern in die Kommentare. Und jetzt auf zum Buchladen!

EDIT:
 Hier eine Zusammenfassung der ganzen Sache auf Buzzfeed.
Der Oetinger Verlag reagiert, wie erwartet: Ist ja alles nur satirisch überzeichnet – achso!  Neee, lieber Oetinger Verlag, das maßgebende Merkmal von Satire ist, dass sie nach oben tritt – nach unten treten nennt sich Diskriminierung.

 

 

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mit (*) markierte Links sind Afiliate-Links

 

18 Kommentare

  1. Melissa
    Am 08.04.2015 um 11:55:43 Uhr [Link]

    Das ist unfassbar. Wirklich, ich bin sprachlos. Habe gerade nach dem Poster gegoogelt, weil ich es nicht glauben konnte.
    Danke fürs Teilen.

  2. Bettina Cottin
    Am 08.04.2015 um 12:03:49 Uhr [Link]

    Völlig einverstanden mit Deinem Zorn!
    Aber was hat Lottas Vater damit zu tun ? Wohin ist Lottas Mutter abgeschoben worden?

    • ella
      Am 08.04.2015 um 12:31:43 Uhr [Link]

      Lotta hat zwei Väter, von denen einer ein Transmann ist. Also ein Mann, der in einem weiblichen Körper geboren wurde, und daher auch noch eine Gebärmutter hat :)

      • Bettina Cottin
        Am 10.04.2015 um 08:25:02 Uhr [Link]

        Neue Wörter erfinden?

      • ella
        Am 10.04.2015 um 08:30:55 Uhr [Link]

        Ich verstehe nicht, was du meinst, sorry.

  3. M.
    Am 08.04.2015 um 12:16:06 Uhr [Link]

    Dankesehr.
    Ich kann noch das Buch „Alles Familie“ sehr empfehlen.
    Witzig und alle Facetten diverser Familienkonstellationen kindgerecht aufbereitet.
    Grüße, M.

  4. Sandra
    Am 08.04.2015 um 12:54:05 Uhr [Link]

    Hallo Ella,
    Ronja Räubertochter ist aus diesem Verlag…
    Aber stimmt, die Kampagne ist mal richtig daneben gegangen. Gruß Sandra

    • ella
      Am 08.04.2015 um 13:02:19 Uhr [Link]

      Ja, das habe ich dann auch noch gemerkt und es deshalb entfernt. Schade!

  5. fraumond
    Am 08.04.2015 um 13:12:08 Uhr [Link]

    Ich hatte schon gebangt, ob es dieser Verlag ist, der ja eigentlich viele sehr schöne Kinderbücher auflegt. DAS hätte ich nie von ihm erwartet. :( echt traurig….

  6. juli.a hrtzblt
    Am 08.04.2015 um 13:43:05 Uhr [Link]

    Wirklich absurd, zumal der oetinger verlag mit „finding alex“ einst ein buch raus brachte, was die geschichte einer transjungendlichen und und den verstrickten gefühlen dreier junger menschen erzählt.

    http://www.amazon.de/Finding-Alex-Kathrin-Schrocke/dp/3789147311

  7. Suse RevoluzZza
    Am 08.04.2015 um 15:30:50 Uhr [Link]

    Danke, lieb Ella – von Herzen!
    Ich liebe ja Buchläden – ganz besonders Kinderbuchläden – und wühle und lese mich gerne durch alles möglich, was es da zu finden gibt.
    Leider gibt es eine ganze Menge an schönen Büchern, die ich aufgrund der tollen Gestaltung gerne mitnehmen würde – aber Geschlechterrollen präsentieren, die einfach gar nicht gehen.
    Wen ich einfach immer super finde: Christine Nöstlinger.

  8. Friederike
    Am 08.04.2015 um 19:16:29 Uhr [Link]

    Danke für die Buchtipps. „Ich hasse rosa“ und „Echte Kerle“ kenne ich und finde sie beide auf ihre Weise richtig super.

  9. Tanja Bujok
    Am 08.04.2015 um 20:22:08 Uhr [Link]

    Danke für den Blogartikel!
    Och nö, Oetinger! Die Heimat so toller Heldinnen wie Pippi Langstrumpf und Katniss (Tribute von Panem). Was für ne Scheisse.

  10. Meryem
    Am 08.04.2015 um 22:42:15 Uhr [Link]

    Das Plakat? Extrem dämlich, das ist ja klar. Das Buch scheint Kritiken zufolge auch nicht der Brüller zu sein. Ganz offensichtlich wurden da an verschiedener Stelle im Hause Oetinger schlechte Entscheidungen getroffen – bei der Programmleitung, im Lektorat, im Marketing und heute in der Kommunikationsabteilung.

    Ich kann allerdings aus eigener Erfahrung sagen, dass auch die großen Verlagshäuser heute unter einem hohen ökonomischen Druck stehen und auch dort nur Menschen (meist recht viel und für nicht richtig viel Kohle) arbeiten, die eben auch Fehler machen. Ich will das gar nicht entschuldigen, merke aber immer öfter, wie es mir Bauchschmerzen bereitet, wenn einzelne Fälle von Fehlverhalten bei Unternehmen, die ansonsten sicher nicht im Verdacht der Political Incorrectness stehen, so entrüstet angeprangert werden, dass sofort Boykottaufrufe im Raum stehen. Für mich ist das tatsächlich ein typischer „Aufreger“- ein aktuelles Thema, auf das man eben beim morgendlichen Surfen stößt und an dem sich dann alle innerhalb der Filterbubble hochziehen, bis dann die nächste dm-Baumwolltaschen-Affäre, der nächste Smoothie-Labelling-Shitstorm oder ähnliches um die Ecke kommt. Ich würde mir generell weniger „Aufregung“ in solchen Diskussionen wünschen, sondern mehr „Liebe Leute bei Oetinger, das könnt Ihr erwiesenermaßen besser – Sexismus ist einfach over, lasst solchen Mist also künftig, bittedanke!“

    Das ist eben auch der Verlag, der bspw. Ronja Räubertochter nach Deutschland gebracht hat – und sehr liebevoll viele andere gute Kinder- und Jugendbücher verlegt, wie hier ja bereits kommentiert. Dies nur mal als Einwurf. Sicher nicht mit der Absicht, das Plakat zu verteidigen, und klar wäre es super, wenn die Verantwortlichen da schneller zur Einsicht und mit einer Entschuldigung rübergekommen wären. Aber die Gleichung „Verdienter Kinderbuchverlag vergreift sich bei Werbung für Teeniebuch im Ton“ = „BOYKOTT!!1!1!!“ geht für mich einfach nicht auf…

  11. kritisch-lesen.de
    Am 09.04.2015 um 11:23:27 Uhr [Link]

    vielen dank für den tollen beitrag und die vielen hinweise. ist schon einige zeit her (januar 2013), aber wir hatten auch mal versucht, ein paar kinderbücher vorzustellen, die die bestehenden macht- und herrschaftsverhältnisse einigermaßen auf dem schirm haben. http://kritisch-lesen.de/ausgabe/alternative-kinderbucher
    kleine anregung am rande: wenn möglich, wäre es supi, nicht auf amazon zu verlinken. nicht nur wegen der richtig beschissenen arbeitsbedingungen: amazon ist auf dem besten wege, nicht nur den vertriebs-, sondern auch den produktionsbereich zu dominieren. kleine verlage, die sich z.b. um emanzipatorische kinderbücher bemühen, dürften mit zunehmender marktmacht das nachsehen haben.

    • ella
      Am 09.04.2015 um 11:34:43 Uhr [Link]

      danke für den link und den hinweis bzgl. amazon.das thema wurde hier schon öfter kontrovers diskutiert und ich weiß, dass der laden kacke ist. ich arbeite dran, mich davon zu verabschieden ;)

  12. mom
    Am 10.04.2015 um 11:03:12 Uhr [Link]

    „respektlos“
    Ich habe immer den Eindruck, Werbung, die auf Kinder abzielt und versucht, mit so Zuschreibungen wie „frech“ oder „respektlos“ oder „huch da schauen die Erwachsenen aber“, kommt von Leuten, die keine Kinder kennen. Die Kinder und Jugendlichen, die ich kenne (und das sind ziemlich viele), mögen das gar nicht so sehr, sondern für die ist ein harmonisches Leben ohne die große Rebellion ein ziemlicher Wert. Es wäre super, wenn sich da erwachsene Werber/innen nicht so peinlich und inhaltlich daneben anbiedern würden.

  13. Soleil
    Am 10.04.2015 um 16:01:13 Uhr [Link]

    Vielen Dank für den Artikel und die Auflistung!
    Der Verlag hat leider einige Bücher im Programm, die mehr als fragwürdig sind, weshalb ich ihn schon ein Weilchen boykottiere. Einige der hier genannten Werke sind übrigens schon etwas länger auf dem Markt, als das, was dort neuerdings so für junge Leser (!) angeboten wird.
    Ein weiterer Artikel diesbezüglich, den ich gelungen fand:
    https://temptedbybooks.wordpress.com/2015/04/08/der-oetinger-verlag-und-die-ironie/

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