Wie ich seit 6 Jahren ein Nählabel zwischen Kleinkindern führe – eine kleine Chronik.

Seit beinahe 6 Jahren gibt es Ringelmiez als Label nun schon. Gegründet habe ich es, da war der kleine Sohn knapp ein Jahr alt. Und seither habe ich immer „nebenher“ so gut es ging daran gearbeitet. Schwangerschafts- und babybedingt zwar bei weitem nicht so viel, wie es mir jetzt möglich ist, aber dennoch immer so viel, dass ich ständig damit beschäftigt war, und es ein kleines Zubrot ergab. Bergeweise  habe ich Milky Sleeves (erinnert sich noch jemand?), Stilleinlagen, Taschen, Täschchen, Quilts, Puppen, Stricknadelrollen genäht. Und immer waren die Kinder dabei. Wenn ich anderen von meiner Arbeit erzählte, schien es vor allem den meisten anderen (meistens) Müttern total unvorstellbar, so etwas wie nähen überhaupt machen zu können, während das Kind/ die Kinder wach sind. Wenn es eine Frage gibt, die ich die ganzen Jahre hindurch immer am häufigsten gehört habe, dann lautet sie definitiv: „Wie machst du das denn, so viel nähen, wenn die ganze Zeit die Kinder um dich herumwuseln?“

Der aller-allererste Ringelmiez-Arbeitsplatz

Der aller-allererste Ringelmiez-Arbeitsplatz

Kind auf Spieldecke.

Kind auf Spieldecke.

Die Antwort darauf liegt zumindest meiner Erfahrung in den letzten 6 Jahren in zwei Punkten: Zum einen war ich bei allen Kindern von Anfang an darauf bedacht, dass sie früh lernen, sich selbst zu beschäftigen. Ich verbringe gern Zeit mit meinen Kindern, aber ich war noch nie der Typ Mutter, der stundenlang mit dem Kind auf dem Boden sitzen und spielen kann. Ich habe immer dafür gesorgt, dass sie in meiner direkten Nähe sein können, bin dann aber meinen Sachen (oft eben dem Nähen) nachgegangen, während ich sie ihrem Spiel überlassen habe. Von Anfang an, schon mit wenigen Wochen. Der andere wichtige Punkt war daher immer, dass mein Arbeitsplatz die längste Zeit immer ein kombinierter Arbeits- und Spielbereich war. Unzählige Male habe ich meinen Arbeitsplatz in den letzten Jahren umgeräumt, angepasst, bin mit ihm umgezogen – immer dem Alter und Beschäftigungsbedürfnis der Kinder entsprechend. Keins meiner Kinder hat eine KiTa besucht; alle verbrachten ihre ersten knapp drei Jahre vollständig ohne Fremdbetreuung.

Arbeitstisch, Zuschneidetisch und eine Ecke des Kindertischs

Arbeitstisch, Zuschneidetisch und eine Ecke des Kindertischs

Kindertisch in Action

Kindertisch in Action

Ganz am Anfang, als ich nur den großen Sohn hatte und der noch sehr klein war, lag der oft einfach auf seiner Spieldecke, in seinem Weidenkorb oder auf einem Sitzsack im gleichen Raum, immer mit direktem, dauerhaften Blickkontakt, während ich nähte. Das Kind spielte so vor sich hin, schlief zwischenduch auch mal ein; wenn irgendwas drückte, war ich sofort zur Stelle. Als der große Sohn mobil wurde, besorgte ich ein variabel aufstellbares Abtrenngitter (etwa wie dieses hier*), das ich aber nicht als Laufstall aufstellte. Stattdessen trennte ich damit meinen Arbeitsbereich ab, so dass der Sohn überall hinkam, nur nicht dahin, wo er mir im Weg war und es für ihn gefährlich werden konnte. Das Gitter grenzte wirklich unmittelbar an meinen Bereich, so dass er immer noch ganz dicht bei mir war. Auf der einen Seite war ich mit meinem Nähkram, auf der anderen der Sohn mit seinem Spielzeug. Glücklicherweise hat das bei uns so einfach gut funktioniert – keins meiner Kinder hatte Ambitionen, das Gitter umzureißen oder zu überklettern. Vielleicht eben auch einfach deshalb, weil es sich nicht ein-oder ausgesperrt vorkommen musste.

liebster Spielkamerad: Der gutmütigste Kater der Welt

liebster Spielkamerad: Der gutmütigste Kater der Welt

Irgendwann war der große Sohn so weit, dass er meine Ver- und Gebote verstehen konnte, und wir nahmen das Gitter weg. Er hielt sich recht zuverlässig aus dem Gefahrenbereich um meine Nähmaschine heraus, interessierte sich aber dennoch sehr für das Wunderding und wollte manchmal einfach mitmachen. Da saß er dann oft auf meinem Schoß und hatte den Job, das Füßchen hoch und runterzumachen, und den Faden abzuschneiden. So konnte ich zwar nicht immer so schnell nähen wie sonst, aber es funktionierte. Die Sachen wurden fertig, der Sohn war glücklich und sein Bedürfnis nach Nachahmung und Beteiligung befriedigt.

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Erkennt ihr’s? Da arbeiten wir gerade zusammen an einer Stricknadelrolle :)

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Was er auch sehr liebte, war mit Stoffresten spielen zu dürfen. Wenn ich meine Stoffe sortiert habe, sortierte er Stoffreste. Das Prinzip Nachahmung, das ich bei meinen Kindern bis heute immer wieder beobachte, finde ich sehr faszinierend. Nachzumachen, was die Eltern tun, ist Kindern ein sehr tiefes, wichtiges Grundbedürfnis, und viele scheinbare Reibereien löst sich ganz von selbst, in dem man einen Weg findet, dem Kind genau das zu ermöglichen. Auch beim Kochen oder der Hausarbeit: Wegschicken und verbieten führt ganz oft zu Frust und Gezeter, während mitmachen dürfen das Kind glücklich macht und die Lage deutlich entspannt. In der Hinsicht sind die Montessoris immer wieder eine tolle Inspiration.

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Stoffreste durchwühlen - bis heute eine sehr beliebte Begleitaktivität, während ich arbeite

Stoffreste durchwühlen – bis heute eine sehr beliebte Begleitaktivität, während ich arbeite. Das bisschen Chaos akzeptiere ich gern dafür, dass ich dann nähen kann.

Auch sehr beliebt: Knöpfe sortieren.

Auch sehr beliebt: Knöpfe sortieren.

Wenig später wurde der kleine Sohn geboren, der dann ebenfalls seine erste Zeit viel im Weidenkorb zubrachte, meist direkt neben meinem Stuhl, während ich nähte, und der große Sohn beschäftigte sich entweder weiterhin selbst, oder betüdelte seinen kleinen Bruder. Etwa zu der Zeit hatte ich einen kleinen Kindertisch in meine Werkstatt gestellt, an dem der große Sohn viel saß und malte. Mit seinem Spielzeug, das war die Regel, musste er auf meinem Bett bleiben, das im gleichen Raum stand. Das Bett wurde später zur Spielwiese für beide, auf der sie dann oft lange am Stück mit einer begrenzten Menge Spielzeug zusammen spielten oder Bücher anguckten, und es funktionierte prima.

Natürlich gab es auch Tage, an denen es ein bisschen im Gebälk knirschte. Wenn ein Kind zahnte, ein bisschen angeschlagen war, oder aus sonst irgendeinem Grund einfach knatschig und nähebedürftig. An diesen Tagen war der ERGObaby Carrier * – und später beim Mädchen die emeibaby Trage* meine absolute Rettung. Nicht nur beim Nähen, sondern oft auch beim Kochen, bei der Hausarbeit oder anderen Aktivitäten, für die ich meine Hände und Bewegungsfreiheit brauchte. Alle drei Kinder haben im Babyalter sehr viel Zeit in der Trage verbracht. Ich kann mir gar nicht vorstellen, wie ich irgendwas ohne dieses geniale Hilfsmittel hätte auf die Reihe kriegen können. Es war einfach die perfekte Lösung für die nicht ganz so einfachen Tage.

Guckguck!

Guckguck!

Der große Sohn darf am Zuschneide Tisch "arbeiten", der kleine beobachtet alles vom Boden aus.

Der große Sohn darf am Zuschneide Tisch „arbeiten“, der kleine beobachtet alles vom Boden aus.

Babysitting mal anders.

Babysitting mal anders.

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Spiewiese Mamabett.

Spiewiese Mamabett.

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Signifikant geändert hat sich die Werkstatt-Situation während der Schwangerschaft mit dem Mädchen. Da waren die Jungs dann schon so weit, dass sie nicht mehr auf die permanente direkte Nähe zu mir angewiesen waren, sondern sich meistens schon zusammen ins Kinderzimmer verkrümelten, um dort zu spielen. Da räumten wir die Wohnung einmal komplett um: Aus dem Kinderzimmer für beide Jungs wurde ein Elternschlafzimmer, was wir bis dahin gar nicht hatten. Aus meinem und dem Zimmer des Mannes wurden ein Kinder-Schlaf- und ein Kinder-Spielzimmer, und ich zog mit meiner gesamten Werkstatt ans andere Ende der Wohnung, und besetzte dort etwa ein Drittel unseres riesigen Wohn-und Esszimmers. Wie es dort jetzt aussieht, wisst ihr ja schon. Als das Mädchen geboren wurde, war der große Sohn schon seit gut 1,5 Jahren im Kindergarten, und der kleine kam bald darauf hinein. Auch das Mädchen lag zu Anfang im Weidenkorb oder auf der Spieldecke direkt bei mir. Aber mit dem Mädchen lief ja vieles ganz anders, als mit den Jungs, weswegen ich dann in einem Jahr, in dem seine Pflege und Versorgung besonders aufwändig war, so gut wie überhaupt nicht für Ringelmiez arbeitete. Aber auch meine Tochter hat gelernt, sich viel alleine zu beschäftigen, was sie jetzt den größten Teil meines Arbeitsvormittages auch einfach macht. Der Eintritt in Wohnzimmer und Werkstatt ist ihr durch eine Schaukelbanane im Türrahmen verwehrt; der Großteil ihres Spielzeugs befindet sich in der Küche, wo sie viel Zeit alleine, aber immer in Sicht- und Hörweise zu mir verbringt.

16601709813_d96b610d1a_zZwischendurch  hoppelt sie oft ins Kinderzimmer, und spielt dort lange Zeit am Stück glücklich und zufrieden mit sich selbst mit den Sachen der Jungs. Wenn sie Hunger hat, müde ist, oder gewickelt werden will, kommt sie in die Küche zurück und sagt Bescheid, so auf ihre ganz eigene Art. Bei ihr wird das Absperrgitter wohl auch noch zum Einsatz kommen – wenn sie es nämlich bald heraus hat, die Banane einfach wegzuschieben (manchmal gelingt ihr das schon), oder sie zu überklettern. Aber auch dafür werden wir das Passende finden.
Wenn ich nachmittags arbeiten muss, und die Jungs keine Lust haben, im Kinderzimmer zu spielen, suchen sie immer noch sehr oft die Nähe zu mir und meiner Arbeit. Heute, mit fast 5 und bald 7 Jahren, sitzen sie dann am Esstisch und malen und basteln, oder sie Suchen sich ein paar Stoffreste heraus und spielen dann immer noch gern meine Arbeit nach. Auch das sortieren von Knöpfen oder sonstigem Kleinkram ist nach wie vor sehr beliebt bei den beiden. Und Teile meiner Arbeit kann ich auch sehr gut mit ihnen zusammen machen – etwa das entwerfen von Skizzen für neue Buch-Modelle. Tja, so sind wir ganz gut hingekommen in den letzten Jahren. Und mit etwas Glück kann das Mädchen auch schon bald in einen Kindergarten gehen, so dass die Zeit des Arbeitens mit und zwischen kleinen Kindern für mich vielleicht in nicht allzuferner Zukunft schon zu Ende ist. Darauf freue ich mich doch sehr – denn so ganz alleine, ohne Störungen und Unterbrechungen mehrere Stunden am Stück arbeiten zu können, kommt mir trotz aller guten Lösungen der letzten Jahre geradezu paradiesisch vor. Denn trotz aller Fähigkeit zur Selbstbeschäftigung  und allem räumlichen Arrangements gehört füttern, wickeln, mal kurz was helfen, trösten oder mal ne halbe Stunde kitzelnd und kichernd auf dem Bett herumkugeln natürlich trotzdem immer dazu und unterbricht den Arbeitsfluss mindestens einmal pro Stunde. Wäre ja auch irgendwie traurig, wenn nicht. Dennoch ist es nach nun bald 6 Jahren in diesem improvisierten Arbeitsmodus nun langsam dringend an der Zeit für größere Optimierungen. Also: Daumen gedrückt halten für einen Kindergartenplatz :)

 

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8 Kommentare

  1. Anne
    Am 10.06.2015 um 10:24:27 Uhr [Link]

    Sehr spannend!

    Ab welchem Alter hast du deine Kinder auf dem Schoß an der Nähmaschine sitzen lassen? Meins würde so gerne und sitzt auch manchmal alleine davor und drückt bisschen auf den Knöpfen rum, aber irgendwie bin ich noch schissig wenn die Maschine an ist. Ich würde aber so gerne auch mal mit Kind nähen, momentan geht meine Nähzeit von der Familienzeit ab, was dann zwangsläufig zu weniger Zeit fürs Nähen führt weil mir Gesellschaft wichtiger ist..

  2. Margit
    Am 10.06.2015 um 10:26:07 Uhr [Link]

    Ja, mit Kindern zusammen zu arbeiten und alles zusammen zu organisieren, ist anstrengend und schön zugleich!
    Mach weiter so!

  3. Ramona
    Am 10.06.2015 um 10:52:52 Uhr [Link]

    So nett, die alten Bilder nochmal zu sehen (aww, auf einem hat K sogar gestrickte Wolfssachen an <3) Und zwischen den Bildern sieht mein geistiges Auge noch gedeckte Tische mit duftendem Curry. Ach, seufz.

    Du machst das toll!

    • ella
      Am 10.06.2015 um 13:44:12 Uhr [Link]

      Danke dir! Ich hab beim Fotos raussuchen auch ganz viele Wuselfotos von deinen und meinen Kindern vor vielen Jahren gefunden. Das mit dem Curry hättste ja haben können, wenn du dich mal gemeldet hättest, dass ihr nach FR kommt ;-P

  4. karo
    Am 10.06.2015 um 17:41:28 Uhr [Link]

    genauso hat das meine ma vor über 30 jahren auch gemacht… auch wenn nähen bei ihr neben dem lehrerinnen-job „nur“ hobby war. aber schön wars. in ihrer nähe sein, knöpfe und nähgarn sortieren, geratter hören… . gerade letztens meinte sie, nie mit uns gespielt zu haben, war irgendwie nicht nötig ;)

    • ella
      Am 10.06.2015 um 20:33:22 Uhr [Link]

      ja, ich glaube, nähmaschinengeratter wird der soundtrack der kindheit meiner kinder sein :-D

  5. Karin
    Am 11.06.2015 um 20:48:33 Uhr [Link]

    Ein schöner Bericht! Was mich gefreut hat ist, dass du nirgendwo den Begriff Rabenmutter stehen und hoffentlich nicht gehört hast.
    Ich war immer berufstätig trotz zwei Kindern, einem sehr lebhaften jüngerem Sohn und einer bis in die Pubertät hinein schwer behinderten älteren Tochter. Eine echte Spielmutter war ich nie, aber beide immer bei meiner Arbeit zuhause oder während meiner Unterrichtsvorbereitung in der Schule dabei, plus einer ständig wachsenden wie wechselnden Besucherkinderschar. Wo sonst gab es Bastelmaterial ohne Ende und die Option keinen Ärger zu bekommen, wenn was auf den Boden kleckert.
    Karos kleiner Beitrag könnte von meinen Kindern sein. ;-)
    Mach weiter so!
    Viele Grüße, Karin

  6. Britta
    Am 13.06.2015 um 08:10:50 Uhr [Link]

    Bei mir war das so ähnlich, wobei die Große deutlich anstrengender war als die Kleine. Die Große wollte immer möglichst viel Körperkontakt.
    Sie hat teilweise den Mittagsschlaf im Tragetuch gemacht, dann habe ich eben am Computer gearbeitet.
    Inzwischen mache ich es nicht mehr, aber damals habe ich wirklich nach jedem Bügeln den Stecker gezogen und hochgelegt, damit sie das Bügeleisen nicht runterreißen konnten, den Stecker aus der Maschine gezogen, damit sie die nicht vom Tisch ziehen konnten und die Stecknadeln niemals aus den Augen verloren. Sobald eine gefallen ist, habe ich die wieder aufgesammelt.
    Aber das wars dann auch schon.

    Liebe Grüße, Britta

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