Ein Jahr älter und ein paar wichtige Erkenntnisse reicher.

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Gestern hatte ich Geburtstag. Ich bin 34 Jahre alt geworden. Ganz herzlichen Dank auch an dieser Stelle nochmal für alle Glückwünsche auf allen Kanälen. Ich hatte einen sehr schönen Tag, und darüber freue ich mich sehr, denn dass ich meinen Geburtstag genießen kann, war für mich in den letzten Jahren nicht selbstverständlich. Schon Tage vorher bekam ich schlechte Laune. Hätte mich an meinem Geburtstag am liebsten einfach verkrochen. Keine Telefonanrufe, keine Geschenke, kein albernes Gesinge – und gleichzeitig war es doch eine blöde Vorstellung, den Tag alleine zu verbringen. Ich habe jetzt lange gebraucht, um rauszufinden, was mich am Geburtstag haben so stört, und ich glaube, so langsam komme ich dahinter.

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Der wesentliche Punkt daran ist die Sache mit den Geschenken. Bis ins Studentinnenalter hinein habe ich mich vor allem deshalb auf meinen Geburtstag gefreut, weil ich Geschenke bekam. Dinge, oder Geld für Dinge, die ich mir sonst nicht leisten konnte. Da ich lange Zeit mit sehr wenig Geld gelebt habe, waren das auch oft notwendige Sachen wie Kleidung, Ersatz für die durchgelegene Matratze, ab und zu auch mal für den Luxus eines kleinen Einkaufs im Bioladen oder sowas. Alles Dinge, die ich mir unterm Jahr meistens einfach nicht leisten konnte, oder für die ich mir Geld leihen musste, wenn es nicht anders ging. Da ich es aber absolut nicht mag, Schulden zu haben, habe ich die eine Jeans, die ich besaß, lieber x-mal geflickt, die Schuhe mit Heißkleber und Tacker „repariert“ und mir im Winter eine Wärmflasche in den Hosenbund gesteckt, weil ich keine ausreichend warme Winterjacke hatte. So oder so ähnlich lebten noch ein paar andere Menschen in meinem Umfeld; ich war damit keine Ausnahme. Aber sich dann bei Gelegenheiten wie Weihnachten oder Geburtstag was neues leisten zu können, war oft dennoch eine große Erleichterung und Freude.

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Mittlerweile kann ich anders leben; im Gegensatz zu früher geradezu luxuriös. Zwar flicke ich große Teile unserer Kleidung immer noch (denn warum wegschmeißen, wenn man reparieren kann), aber wenn doch etwas neues gebraucht wird, kann ich das auch sofort kaufen gehen – oder eben Stoff kaufen, um es selbst zu nähen. Der Großteil unserer Lebensmittel kommt aus dem Bioladen oder von der Gemüsekiste. Wir sind nicht mehr auf Discounter oder aufs Containern angewiesen (auch wenn ich das in abgewandelter Form immer noch gerne mache, weil ich es einfach eine gute Sache finde). Den Einkaufszettel kann ich nach der Saison und den Essensgelüsten der Familie schreiben, und muss nicht mehr überlegen, wie ich meine paar Kröten am geschicktesten in Lebensmittel umsetze, die mich möglichst lange satt halten. Kleine Extras können wir uns ab und zu einfach leisten, ohne dass es hinterher im Geldbeutel schmerzt. Bedingt durch meinen Job als Autorin von Nähbüchern und auch durch die Großzügigkeit einiger sehr geschätzter Blogsponsoren habe ich einen ziemlichen Überfluss an Näh- und Bastelzubehör. Ich genieße es sehr, bei eigentlich allen meinen kreativen Ideen materialmäßig aus dem Vollen schöpfen zu können. Es ist toll, fast immer alles da zu haben, was man braucht, und ich bin meinen Sponsoren und Kooperationsparntern auch sehr dankbar dafür, dass sie mir das ermöglichen. Das alles führt dazu, dass ich mich sehr reich fühle, auch wenn ich weiß, dass wir rein zahlenmäßig für eine 5köpfige Familie eher verhältnismäßig bescheiden leben. Die Erinnerung daran, was das dennoch für ein Gegensatz zu früher ist, ist mir aber eben noch immer ziemlich präsent.

Hinzu kommt, dass mir sehr bewusst ist, dass ich auch mehr habe, als viele Menschen um mich herum, die sich vieles von dem, was ich einfach so übrig habe, nicht mal eben so leisten können. Gerade bei meinen mittlerweile fast regelmäßigen, weil notwendigen Ausmistaktionen, schlackere ich immer sehr mit den Ohren, was ich so alles an oft neu- und hochwertigem „Ballast“ aussortiere, das für andere ein willkommener Luxus wäre. Total verrückt. Ich habe also unterm Strich eh schon mehr, als ich brauche, und daher habe ich zu Gelegenheiten wie Geburtstag oder Weihnachten einfach kaum Konsumwünsche. Und wenn , dann sind die so konkret, dass ich sie mir entweder selbst erfülle oder sie an Leute richte, von denen ich weiß, dass sie mir auch gern einen solchen „Auftragswunsch“ erfüllen – etwa mein Mann oder meine Mutter.

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Das heißt nicht, dass es vollkommen unmöglich ist, mir irgendwas zu schenken, was mich freut. Es ist vermutlich nur einfach schwieriger, als bei vielen anderen Menschen. Zum Beispiel den Pflanzengefärbten Regenbogen von Jana hüte ich bis heute wie einen Schatz. Oder an dem weltschönsten Projektbeutel von Ramona freue ich mich immer noch täglich.  Aber ansonsten belastet mich das meiste eher, als dass es mich freut. Wein oder Kaffee trinke ich nicht, Dekogegenstände brauche ich nicht, Kosmetik benutze ich kaum, in Nähzubehör ersaufe ich eh schon, Süßigkeiten möchte ich eh nicht so viele essen, zum Einlösen von Gutscheinen finde ich fast nie Zeit, weswegen sich hier schon Gutscheine aus den letzten 4 Jahren sammeln. Quatschgeschenke finde ich ohnehin doof.

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Also möchte ich zum Geburtstag lieber nichts geschenkt bekommen. Zumindest nichts Materielles. Dieses Gefühl, zu meinem empfundenen Reichtum immer noch mehr obendrauf zu bekommen, das ich gar nicht brauche, macht mich irgendwie echt unglücklich. Die Erwartung, an einem Tag geballt beschenkt zu werden, macht mir Stress. Viele Leute verstehen das nicht, und irgendwie setzt mich das unter Druck. Ich empfinde Druck, Wünsche haben zu müssen. Druck, weil ich keine habe. Druck, lieb gemeinte, trotzdem geschenkte Aufmerksamkeiten schön finden zu sollen. Druck, weil ich mit vielen in netter Absicht geschenkten Dinge aber einfach nichts anfangen kann. Druck, weil ich mich schlecht fühle, solche nett gemeinten Kleinigkeiten oft am liebsten gleich wieder loswerden zu wollen. Druck, weil ich weiß, dass nicht wenige Menschen dass als indirekte Ablehnung ihrer Person empfinden, weil es ihnen wichtig war, mir eine Freude zu bereiten, und weil sie sich vielleicht viel Mühe beim Aussuchen des Geschenks gegeben haben. Und all das baut sich mitunter schon Wochen und Tage vor meinem nahenden Geburtstag auf und vermiest (nicht nur) mir die Laune.

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Gestern dagegen war einfach nur toll. Ich habe ganz wenige Geschenke bekommen, über die ich mich aber wirklich gefreut habe. Aber das Schönste war, das ein paar nette Menschen einfach einen schönen Tag mit mir verbracht haben: Der Mann hatte sich am Vorabend nach einem anstrengenden Arbeitstag noch in die Küche gestellt, und bis nachts um 2 Donauwelle gebacken. Mit dem ihm und der Tochter war ich Geburtstags-Sushi essen. Nachmittags kamen Nachbarn und Freund*innen zum Kuchen essen und quatschen. Abends ein schönes, leckeres Essen mit Joy. Alle brachten Blumen, Kuchen und Kirschen mit, und vor allem Zeit und Lust, einfach da zu sein. Das war schön. Und genau so hätte ich das ab jetzt gerne jedes Jahr: Zeit statt Zeug. Fühlt sich für mich viel wertvoller an, als die allermeisten materiellen Geschenke, die ich mir vorstellen kann. Was für eine schöne Aussage ist das, wenn jemand freie Zeit, die er*sie sonstwie zubringen könnte, gerade mit mir verbringt. Ein tolleres Geschenk kann ich mir eigentlich nicht vorstellen.

In diesem Sinne: Danke an alle, die da waren und mir einen sehr schönen Geburtstag bereitet haben!

 

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Weil einige sowie so danach fragen werden: Das Bild mit dem Frida-Kahlo-Vogel ist ein Kunstdruck von geninne, um den ich schon seit 2 Jahren herumschleichte. Den und noch andere schöne Sachen gibt es in ihrem etsy Shop.

 

 

4 Kommentare

  1. Eva
    Am 30.07.2015 um 01:16:48 Uhr [Link]

    Liebe Ella ,
    alles Gute nachträglich von der, die gestern ebenfalls Geburtstag hatte, exakt 10 Jahre älter ist und ebenso grantig auf diesen Tag zusteuerte.
    Ich hab mich wirklich gefragt, warum das so ist. Diese Unlust auf diesen Tag. Hab absolut kein Problem, älter zu werden, im Gegenteil, ich fühle mich grandios damit und mag mich mehr denn je.
    Was ist es dann? Wo ist diese kindliche Freude über diesen Tag abgeblieben? Meine Jüngste sagte am Abend vorher: „Mama, Du bist bestimmt totaaal aufgeregt, ne?“ – war ich natürlich null.
    Das hat mich echt nachdenklich gestimmt.
    Ich hab mir von meiner Mutter gewünscht, dass sie nach dem Kaffee und Kuchen noch bleibt und die Kinder hütet, damit ich zum Yoga gehen kann. Was mich völlig glücklich macht.
    Und dann weitergedacht… alles was ich mir sehnlichst wünsche, kann mir keiner kaufen. Wie z.B. endlich geschieden zu werden. Oder zumindest die Geduld für den letzten Kampf diesbezüglich. Die Geduld und Kraft, um neben dem Job für die Kinder eine starke Mutter zu sein. Dass meine tollen Kinder auch so toll bleiben können, dürfen. Ein ausgelassenes Leben für sie! Überhaupt – einmal wieder fühlen, wie es ist, völlig entspannt zu sein, ohne irgendwelche Unannehmlichkeiten im Nacken.
    Irgendwann mal wieder ein männliches Gegenüber auf Augenhöhe genießen zu können.
    Keinen monatlichen ExistenzKampf hinlegen zu müssen. Einfach mal wieder wegfliegen zu können.
    Ich hab den Frust voll zugelassen.
    Hab bis 11:15 gepennt, bis 17h im Nachthemd rumgegammelt dann meine Küchenarmatur alleine montiert. Inklusive Anschluß an das Untertischgerät. Ok, Samuel hat den letzten Handgriff getätigt. ;) Aber: ich habe mich so dermaßen drüber gefreut, nach 6 Monaten Einzug endlich nicht mehr im Bad Wasser zu haben, wie über sonst nix anderes.
    …. so gesehen war heute eigentlich mein Geburtstag.

    LG Eva

  2. AnnJ
    Am 30.07.2015 um 06:28:36 Uhr [Link]

    Liebe Ella,
    oh, dann auch von mir noch alles Gute! Mögen Dir die Ideen und der Nähfundus nie ausgehen!

    Deine Gedanken zum Geburtstag kann ich sehr gut nachfühlen. Mir geht es ähnlich. Ich bin nicht besonders scharf darauf, diesen Tag irgendwie großartig zu „feiern“. Geschenke nur um der Geschenke willen finde ich doof, und ganz besonders nervt mich die Frage „Was sollen wir Dir denn schenken?“ Diese Frage erübrigt sich nämlich, wenn man dem Menschen, den man beschenken will, mal zuhört. Viel wichtiger als irgendwelcher Konsum sind Zeit und Aufmerksamkeit. Und Familie und Freunde, die gesund und munter sind!

    Lieben Gruß
    AnnJ

  3. Margit
    Am 30.07.2015 um 08:35:03 Uhr [Link]

    genauso ist es!

    alles Gute auch von mir!

  4. Bea
    Am 30.07.2015 um 10:08:46 Uhr [Link]

    Du sprichst mir so sehr aus der Seele!! Mich setzt das Unverständnis der anderen aber nicht nur unter Druck. Leider macht es mich manchmal auch wütend. Ich empfinde es dann als Nichtachtung meines Wunsches. Das geht mir übrigens bei den Geburtstagen der Kinder/Weihnachten /Ostern….etc genauso. Diese materielle Welle, die da auf einen zukommt bei diesen Feierlichkeiten, schnürt mir regelrecht die Kehle zu. Ich danke dir sehr für deinen Beitrag. Und alles Liebe nachträglich!

    💕💕

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