Wir haben ein Problem – nicht erst seit 1992.

Eine meiner frühen Erinnerungen an irgendwelche politischen Geschehnisse ist die an die rechtradikalen Ausschreitungen und Übergriffe Anfang der 90er Jahre. Neonazis hatten unter dem tosenden Beifall der Anwohner ein Flüchtlingsheim im Rostock-Lichtenhagen erst belagert, dann in Brand gesetzt. Auch ein Kamerateam war im Gebäude und es gab Aufnahmen davon, wie die eingeschlossenen Menschen in Todesangst Türen aufbrechen, um irgendwie ins Freie zu gelangen, während der Rauch immer dichter wurde und das Feuer näher und näher kam. Ich weiß noch, wie ich fassungslos in den Fernseher starrte; ich war 11 und konnte nicht begreifen, dass Menschen anderen Menschen so etwas antun. Aber sie taten es wieder, auch in Solingen und Mölln gab es Anschläge, es gab Tote, und unter den Toten waren auch Kinder. Außer den Anschlägen auf Heime gab es während der 90er immer wieder brutale Verbrechen gegen einzelne Flüchtlinge: Die Hetzjagd von Guben und der Mord an Amadeu Antonio Kiowa in Eberswalde sind nur zwei von vielen. Unschuldige Menschen, die vor untragbaren Zuständen aus ihrem Heimatland geflohen waren, alles zurückgelassen und oft noch unterwegs Familienangehörige verloren hatten, waren traumatisiert dort angekommen, wo sie hofften, es würde nun endlich alles etwas besser – und dann flogen Steine und Molotow-Cocktails durch ihre Fensterscheiben, sie wurden gejagt und zu Tode getreten. Das überstieg mein Vorstellungsvermögen und gehörte die letzten mehr als 20 Jahre für mich zur gleichen Kategorie wie die Verbrechen der Nazizeit: Zur Kategorie „So etwas darf nie wieder passieren.“

Und jetzt, 2015, lesen sich die Tagesgeschehnisse wieder ganz ähnlich, wie damals: Kaum ein Morgen ohne eine neue Nachricht über eine weitere brennende Flüchtlingsunterkunft, Nazis brüllen und Randalieren vor Flüchtingsheimen und werden dabei von „besorgten Bürgern“ unterstützt und angefeuert. Die gleiche Sche*ße wieder, schon seit Monaten. Freital, Heidenau, AfD, Pegida, CSU, CDU – man kommt gar nicht mehr hinterher mit dem Aufzählen der Orte, an denen rechte Gewalt passiert. Sagen übrigens auch die Leute, die sich bemühen, das in leider sehr traurig anzusehenden Karte zusammenzufassen. 

Während der letzten Tage habe ich immer wieder versucht, einen Text zu schreiben, in dem es darum geht, dass es Neonazis , rechte Gewalt und rechten Terror nicht erst seit 1990 gibt. Dass es gefährlich und nicht besonders schlau ist, Rechte als „dumm“ oder „ewiggestrig“ anzusehen, weil sie eben nicht nur aus besoffenen Typen mit vollgepissten Jogginghosen, oder aus Glatzköpfen mit Bomberjacken und Baseballschlägern bestehen. Rechte gibt es nicht nur irgendwo weit weg da drüben in Sachsen, sondern im ganzen Bundesgebiet, in deiner Nachbarschaft, in so ziemlich allen Behörden in wichtigen, teilweise sogar zentralen Positionen; sie tragen Jeans und Sommerkleidchen und Anzüge und sie haben Haare, nur dummerweise erkennt man sie gar nicht, wenn sie nicht dem Klischee entsprechen. Ich wollte darüber schreiben, dass die Rechten deshalb jetzt so selbstbewusst auftreten, weil wir sie jahrelang in Ruhe gelassen und verdrängt haben, uns eingeredet haben, dass die schon irgendwie von alleine ausgestorben sein werden. Leider ist das – Überraschung! – aber nicht passiert; stattdessen haben wir sie einfach bloß ignoriert und damit stillschweigend akzeptiert. Haben weiterhin fröhlich „Zigeunerschnitzel“ und „Mohrenkopf“ gesagt, unsere Kinder als Indianer verkleidet und bekamen Schaum vor dem Mund , als gefordert wurde, rassistische Wörter aus Kinderbüchern zu streichen. Wir haben uns mit Händen und Füßen geweigert, zu verstehen, dass Reflektion bei genau solchen Dingen anfängt. Und all das ist genau das, was ich meine, wenn ich immer wieder sage: Das mit dem Rassismus ist tief in unserer Gesellschaft verwurzelt, in so gut wie jedem*jeder einzelnen von uns, und wir müssen uns verflucht nochmal damit auseinandersetzen, wenn wir wollen, dass sich irgendwann mal was ändert, und wir müssen Sätze wie „Ich finde xy aber nicht rassistisch“ aus unseren Köpfen streichen. Rassismus ist ein Fakt, keine Sache der persönlichen Meinung. Wir werden nicht erfolgreich gegen unser Rassismusproblem, gegen Nazis und brennende Flüchtlingsunterkünfte und all das angehen können, wenn wir uns weigern, zu begreifen, wo unser Problem anfängt und wie umfangreich es tatsächlich ist. Und ja, das fängt bei genau solchen vermeintlichen Kleinigkeiten im alltäglichen Sprachgebrauch an.

Aus verschiedenen Gründen habe ich gerade nicht die Kraft für einen ausführlicheren Blogartikel zu diesem Thema. Ein Grund dafür ist, dass mir die momentane Situation wirklich Angst macht, und dass ich zum ersten Mal die unterschwellige, aber nicht wegzukriegende Befürchtung habe, dass sich gewisse furchtbare Dinge möglicherweise eben doch wiederholen könnten. Vielleicht nicht in der gesamten Ausprägung wie vor 70, 80 Jahren. Aber in – wenn auch nur kleinen – Teilen Deutschlands herrschen bereits Verhältnisse, die für die meisten von uns nur deshalb nicht bedrohlich wirken, weil wir zufällig woanders wohnen. Ist es so abwegig, dass sich das ausweiten kann, wenn es in fast allen großen Städten Deutschlands PEgidA- Ableger und AfD-Wähler gibt? Die, die da vor ein paar Monaten noch zu tausenden mitmarschiert sind, haben sich ihre Einstellung übrigens auch nicht inzwischen anders überlegt, nur weil wir aktuell nichts mehr von ihnen hören. Das Thema macht mich fertig, echt.

Ich möchte euch aber die folgenden vier Teile einer Dokumentation über die Geschichte des Neofaschismus in Deutschland sehr ans Herz legen. Guckt euch das an, und dann denkt nochmal neu drüber nach, wie groß das Problem, das wir mit den Rechten haben, ist.

Mein tiefster Respekt und Dank an alle, die ihre Kraft und ihre Zeit aufwenden, um aktiv zu helfen. Mareice und Suschna sind nur zwei von vielen. Wer selbst mitanpacken möchte kann auf dieser Karte gucken, welche Hilfe in seiner*ihrer Nähe gebraucht wird.

 

5 Kommentare

  1. MaAn
    Am 26.08.2015 um 21:15:29 Uhr [Link]

    …. ganz laaaangsam begann ich, mich als Deutsche wohlzufühlen, dachte, in der Welt akzeptiert zu werden …
    … und schon schäme ich mich wieder eine zu sein!

  2. Lydia
    Am 26.08.2015 um 21:45:03 Uhr [Link]

    Du hast so recht. Und ich wohne im (weitweg) Sachsen. In einem kleinen Kuhdorf wo jeder jeden kennt und auch hier werden Scheiben in der Asylbewerberwohnung eingeschlagem und Bombendrohungen an die Vermieterin geschickt. Ich bin Fassungslos über meine Mitmenschen und deren Meinungen und Äußerungen über 8 „Ausländer“ die zur Zeit in unserem Dorf wohnen. Ich bin traurig, schockiert und sprachlos über so viel Hass, gegen Menschen, die hier Zuflucht und Schutz suchen.

  3. Meeresrauschen
    Am 27.08.2015 um 08:42:52 Uhr [Link]

    Liebe Ella, jeden morgen schaue ich bei Twitter nach den News in meiner Heimat. Jeden morgen habe ich wieder Tränen in den Augen. Ich wohne in Sachsen, ja sogar in Dresden. Ich bin bei Chemnitz aufgewachsen. Ich kann überhaupt nicht verstehen, wie Leute, die so wie ich aufgewachsen sind, so ein völlig anderes Weltbild haben. Wenn ich mir Bilder von Heidenau ansehe, dann sind da scheinbar völlig normale Leute zu sehen. Wie kann das nur sein??!! Du hast Recht, Rechtsextremismus scheint in den Köpfen viel weiter verbreitet, als man ahnt. Es kotzt mich so an, dass in meiner Heimat soetwas abgeht. Genauso gibt es aber auch in DD viel Engagement, viele Spenden und viele freiwillige Helfer, aber das geht völlig unter. Die Mitte schafft es nicht, sich gegen die extremen Ränder durchzusetzen oder zu organisieren. Wobei die extremen Ränder ja scheinbar auch weit in die Mitte mit vordringen.
    Dann sehe ich mir diese Bilder an http://www.bild.de/politik/inland/fluechtling/damals-und-heute-blickt-auf-diese-bilder-heidenau-42336300.bild.html und habe noch mehr Tränen in den Augen und noch mehr Unverständnis im Herzen. „Uns“ ging es doch ganz genauso…
    Traurige Grüße,
    Kathrin

  4. BCottin
    Am 27.08.2015 um 11:25:03 Uhr [Link]

    Vielen Dank für diesen Artikel und die Verlinkung der Dokumentation.
    Hier in Frankreich ist das auch ein großes Problem.

  5. My 2 Cents | AnnJ und der Mann mit Hut
    Am 27.08.2015 um 13:29:33 Uhr [Link]

    […] Ringelmiez […]

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