English Paper Piecing – ein Tutorial.

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Ich habe eine Schwäche für vollständig mit den Händen Gemachtes. Das bezieht sich nicht nur auf Textiles, sondern auch auf zum Beispiel Bauhandwerkliches – die Vorstellung, dass ganze Burgen und Kathedralen (abgesehem vielleicht von ein bisschen Wasserkraft und der Hilfe von Zugochsen) vollständig mit Händen und Muskelkraft gebaut wurden, und das in dieser mitunter atemberaubenden Präzision und mit so vielen Details, fasziniert mich ungemein. Ähnlich beeindruckend finde ich Kleidungsstücke von vor wenigen Hundert Jahren, ausschweifende Roben und hauchzarte Spitzenkragen, die in unzähligen Stunden und abertausenden Stichen von Hand genäht wurden. Da liegt es natürlich nicht fern, das ich ab und zu auch selbst gerne so etwas mache. Schon seit längerer Zeit und mit großen Unterbrechungen arbeite ich an einem Quilt aus vielen kleinen Hexagons. Die Methode, Quilts mit Hilfe von Papierschablonen aus vielen, vielen kleinen Stoffstückchen komplett von Hand zu nähen, hat eine lange Tradition und eine große Fangemeinde. Und heute will ich euch mal zeigen, wie das geht.

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Die Schablonen

Am Anfang jedes English Paper Piecing Projekts stehen die Schablonen. Hexagons in verschiedenen Größen findet man überall im Internet kostenlos – zum Beispiel hier. Die werden einfach in ausreichender Menge ausgedruckt und sehr sauber und genau mit einer scharfen Papierschere ausgeschnitten. Am besten eignet sich etwas festeres Papier; ich benutze Tonkarton, dann kann man sie auch sehr gut mehrmals verwenden. Ich mache meine Hexagons mit Hilfe eines Stempels, den ich vor einigen Jahren mal runtergesetzt gefunden habe.

Die Utensilien

Außerdem braucht ihr:

eine Nähnadel
Nähgarn (die Farbe ist eigentlich egal; ich benutze weißes Garn)
Quilt-Stecknadeln
eine scharfe, handliche Stoffschere
jede Menge Stoffreste

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Hexagons nähen

In diesem kleinen Tutorial zeige ich euch die English Papier Piecing Techniken, mit denen ich am besten zurecht komme. Das ist nicht die ultimative und einzig wahre Technik, sondern eine von mehreren, mit der ich das sauberste Ergebnis erziele.

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Ich lege eine Schablone auf die linke Seite des Stoffes und stecke sie mit einer Quilt-Stecknadel fest – die sind deutlich länger als gewöhnliche Stecknadeln und haben flache Köpfe, so dass nichts ausbeult. Mit der Stoffschere schneide ich das Hexagon mit ca. 0,7 bis 1 cm Nahtzugabe aus. Dann nehme ich meine Nadel mit dem eingefädelten Faden (ein Knoten im Faden ist hier nicht nötig), steche durch Schablone und Stoff und ziehe den Faden bis auf etwa 2 cm durch. Das Fadenende halte ich mit dem Daumen fest. In ca. 1,5 cm Entfernung zum ersten Stich, steche ich die Nadel von der Gegenseite wieder zurück. Ich führe die Nadel nochmal durch beide Löcher; das reicht schon um diesen Heftfaden, der später eh wieder entfernt wird, temporär zu fixieren.

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Dann klappe ich die erste den Stoff an der ersten Kante sehr sorgfältig um die Schablone. Halte ihn dort fest und klappe die zweite Seite um, so dass die Kanten des Hexagons und vor allem die Ecke schön crisp wird (mir fällt einfach kein passenderes deutsches Wort ein).

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Ich steche mit der Nadel in die linke Seite der Ecke und auf der rechten Seite wieder heraus. Der Stich ist ca. 1 cm groß. Ziehe den Faden durch, und mache einen noch größeren Heftstich (ca. 2 cm) entlang der nächsten Kante des Hexagons.

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So gehe ich rund um das Hexagon weiter vor: Kante sorgfältig umklappen, großer Heftstich entlang der Kante, nächste Kante umklappen, kleiner Heftstich über die Ecke. Den letzten Stich mache ich wieder zwei mal, um den Faden temporär zu fixieren. Dann kann die Stecknadel entfernt werden und das fertige Hexagon sieht so aus:

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Von diesen Hexagons nähe ich immer mal so zwischendurch ein paar. Mit der Zeit sammeln sich so einige an. Ich nähe sie aus Stoffresten, die in meiner Werkstatt so anfallen und verfolge kein festgelegtes Farbschema. Man kann aber natürlich auch nur Stoffreste in bestimmten Farbtönen verarbeiten. Viele Leute machen das auch gar nicht aus Resten, sondern kaufen sich den Stoff in den Farben, die ihr Quilt haben soll.

Hexagons zusammenfügen

Wenn genügend Hexagons vorhanden sind, kann man beginnen, sie zusammenzunähen. Hexagons kann man zu unterschiedlichsten Formen und Mustern zusammenpuzzeln; ganz einfach und sehr beliebt sind Blumen. Egal, wofür man sich entscheidet; die Technik zum zusammennähen ist immer die gleiche.

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Um eine Blume zu nähen, lege ich das mittlere (rosafarbene) Hexagon und das erste Blütenblatt rechts auf rechts zusammen. Ich schneide einen recht langen Faden (ca. 140 cm) ab, fädle ihn auf und verknote die beiden Enden miteinander – ich nähe also mit doppeltem Faden; das mache ich beim Nähen von Hand immer so. Ich steche ganz genau in die Spitze der Ecke des ersten Hexagons und durch die Spitze der Ecke des anderen Hexagons, so dass sich pro Hexagon wirklich nur 2 oder 3 Gewebefäden auf der Nadel befinden. Den Faden ziehe ich bis fast ganz zum verknoteten Ende durch und führe die Nadel dann durch die Schlaufe, bevor ich festziehe – so ist der Faden bombensicher verankert.

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Entlang der Kanten mache ich leicht abgeschrägte Leiterstiche: Die Nadel wird 1-2 mm unterhalb der Kante ein- und ganz genau auf dem Falz an der Kante wieder ausgestochen. Den Faden durch-, aber nicht festziehen; das selbe parallel zum ersten Stich auf der Kante des anderen Hexagons wiederholen.

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Dann immer abwechselnd: einen Stich auf der Kante des vorderen Hexagons, einen auf der Kante des hinteren. Den Faden nach jedem Stich durch-, aber nicht festziehen. Erst nachdem die erste Hälfte des der Kante genäht ist, werden die Hexagons einmal auseinander geklappt und der Faden vorsichtig in mehreren vorsichtigen, kleinen Rucken festgezogen. Dann wird die zweite Hälfte der Kante genäht, wieder festgezogen. Zum Abschluss jeder Kante wird die Nadel noch einmal durch die Spitzen beider Ecken gestochen und der Faden kurz vor dem endgültigen festziehen mit der Fadenschlaufe verknotet. Das Ergebnis sollte dann ungefähr so aussehen, wie auf dem linken der beiden unteren Bilder. Mit dieser Nähtechnik, die ich hier anwende, sind die Stiche von der Vorderseite aus unsichtbar. Daher ist es auch egal, welche Farbe euer Garn hat. Mit anderen Techniken blitzen unter Umständen winzig kleine, aber dennoch sichtbare Pünktchen des Garns hervor, weswegen man dann besser farblich passendes Garn benutzen sollte. Um das nächste Blütenblatt annähen zu können, führe ich den Faden in großen Stichen durch die Nahtzugabe des Hexagons an die nächste Ecke.

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Um die restlichen Blütenblätter annähen zu können, muss ein Teil der bereits zusammengefügten Blüte immer geknickt werden. Wenn alle Blütenblätter rundrum angebracht sind, wird der Faden fest verknotet, und eure Blüte ist fertig.

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Bevor ihr die einzelnen Blüten zu Streifen, und diese dann nach und nach zu eurem Quilt Top zusammensetzt, solltet ihr sie einmal kurz überbügeln, damit sich die Nähte schön flach legen.

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Sobald ein Hexagon vollständig von anderen Hexagons umschlossen ist, kann man die Heftfäden dieses einen Hexagons lösen, die Papierschablone entfernen und für weitere Hexagons verwenden. Bei so einer Blume könnte jetzt also die Schablone in der Mitte entfernt werden. Und damit wären wir auch schon bei der einen Frage, die ich immer, IMMER, IM-MER zu hören kriege, sobald ich von dieser Technik erzähle:

„Und die Papierschablonen bleiben dann da drin, oder, wie? Häää?“

Natürlich nicht.
Die Schablonen dienen nur dazu, den Stoff akkurat in die gewünschte Form bringen und diese Formen sauber aneinander nähen zu können. Sobald das geschehen ist, können die Heftfäden durchtrennt und die Schablonen herausgelöst werden (s.o.). Ist das Quilt Top fertig, wird es, wie jeder andere Quilt auch, mit einem Batting und einem Backing versehen, und gequiltet – in diesem Fall natürlich ebenfalls komplett von Hand. Darauf freue ich mich schon; aber bis es so weit ist, muss ich noch eine ganze Menge mehr Hexagons nähen. Ein echtes Langzeitrpojekt eben.

Natürlich kann man mit dieser Technik auch kleine Projekte nähen. Untersetzer, Tischsets, Taschen, Kissenhüllen… Ramona hat mir mal einen Projektbeutel geschenkt, in dem diese Technik auch vorkommt, und ich liebe ihn heiß und innig. Und selbstverständlich umfasst das Universum des English Paper Piecing noch viel mehr Formen, als bloß Hexagons. Man kann die atemberaubendsten geometrischen Formen zusammennähen. Auf dem Bild ganz oben sehr ihr, dass ich aus Hexagons, Dreiecken und Rauten auch ein paar Sterne gemacht habe. Ich hoffe, ich konnte euch mit meinem Tutorial ein bisschen anstecken mit English Paper Piecing! Viel Freude beim Nähen!

 

 

 

5 Kommentare

  1. Susami
    Am 26.11.2015 um 12:44:45 Uhr [Link]

    Hui, das ist mal sehr genau & schön aufgeschrieben. Vielen Dank! Ich mag ja die Regenbogenfarben so sehr, das wird sicher schön bunt :-)

    Ich hab grad nochmal nach geschaut, war mir auch unsicher. Es heißt im Plural „Hexagone“, das andere ist quasi ne Anglifizierung. Das störte den Lesefluss etwas.

  2. rage
    Am 26.11.2015 um 13:11:53 Uhr [Link]

    Liebe Ella! Danke!
    Das ist genau meins! Ich habe vor zwei Wochen meine erste Puppe genäht. Dabei habe ich den Nähservice von Maria in Anspruch genommen, weil ich zwar drei alte Nähmaschinen übernommen habe, aber keines der Geräte bedienen kann. Und abgesehen davon einfach keine Zeit finde, mir diese Maschinen anzueignen. Meine Motivation mich vor die Geräte zu setzen und erstmal herauszufinden, welcher Hebel, wie funktioniert – ohne jegliche Hilfe und Anleitung oder Gebrauchsanleitung – geht gegen Null. Nicht direkt loslegen und etwas in Händen halten zu können… ich kann das gerade einfach nicht. Aber das Nähen der Puppe, in all seinen Einzelschritten, sowie diese Art von Handzunähen, wie du sie in diesem Beitrag beschreibst… Oh ja! Ich denke schon über Tischgedecke nach oder Servietten oder Taschen für den Kaufladen… Vielen, vielen Dank für dieses Tutorial. Ich werde das ausprobieren!

  3. Frau Jule
    Am 26.11.2015 um 21:54:06 Uhr [Link]

    DANKEDANKEDANKEDANKEDANKE!!!! JETZT habe ich es verstanden ;)
    liebst,
    jule*

  4. Links zum Wochenende: keine Thermomix-Liebe, Ende eines Geldstreiks, Brasilien, was Native Americans über Kolumbus denken u.a. | ringelmiez
    Am 27.11.2015 um 11:08:34 Uhr [Link]

    […] schrieb ich noch von meiner Faszination für vollständig ganz ohne den Einsatz von maschinellen Hilfsmitteln von Hand Gemachtes – diese Stücke, allesamt mehrere tausend Jahre alt, gehören auch dazu. Könnt ihr euch […]

  5. Jasmin
    Am 28.11.2015 um 14:32:42 Uhr [Link]

    Erwischt! „‚Und die Papierschablonen bleiben dann da drin, oder, wie? Häää?'“ war genau meine Frage. :D

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