#einElefantFuerDich, kleine Kaiserin.

Bald sind es 2 Jahre, dass ich Mareice kenne. Wir wurden von einer gemeinsamen Freundin miteinander bekannt gemacht in der Zeit, als das Mädchen per Magensonde ernährt wurde und wir uns langsam damit anfreunden mussten, dass wir wahrscheinlich ein Kind mit Behinderung haben. Wir begannen, uns Mails zu schreiben, kurz bevor Kaiserin 1 eine große Operation vor sich hatte. Während der Zeit im Krankenhaus ging das Kaiserinnenreich online, und Mareices Einblicke in das Leben mit ihrer mehrfach schwerbehinderten Tochter fanden im Handumdrehen unfassbar viele interessierte und Anteil nehmende Leser*innen.

Im November 2014 lernte ich die kaiserliche Familie dann in Berlin persönlich kennen; ein Treffen, auf das ich mich sehr gefreut habe. Ich war gleichermaßen auf Mareice, als auch auf Kaiserin 1 gespannt. Wir trafen uns in einem süßen kleinen Café; zuerst Mareice, Kaiserin 1 und ich, und die Stunden, die wir dort verbrachten und redeten, vergingen wie im Flug. Kaiserin 1 hampelte mit ihrer einzigartigen Punkrock-Attitüde fröhlich auf einem Sessel vor sich hin, die Beine nach oben, mit den Händen den Stoff des samtenen Sofas ertastend. Manchmal lächelte sie, wenn ihre Hände über eine Oberfläche fuhren, die ihr gefiel. Und sie lächelte, als sie in meinem Schoß lag und ich ihre Hand streichelte.

15852643576_a73b5cfca4_o

Nicht nur Mareice, sondern auch die kleine Kaiserin haben mich an diesem Tag sehr beeindruckt. Es lässt sich schwer in Worte fassen, wie viel man von diesem kleinen Mädchen innerhalb kürzester Zeit lernen konnte. Kaiserin 1 konnte nicht sehen, hören oder sprechen. Es gab nur eine Möglichkeit, mit ihr zu kommunizieren: Fühlen; nicht nur körperlich. Durch Berührung zeigen, dass man da und ihr wohlgesonnen ist. Auf sie achten, ihre Gestik und die zarte Mimik beobachten, erspüren, wie sie sich fühlt und was sie gerade möchte oder auch nicht. Anders formuliert: Man musste sein Herz öffnen, um mit Kaiserin 1 kommunizieren zu können. Das klingt so banal, und vielleicht ist man geneigt zu denken, dass man das als ohnehin empathischer Mensch doch sowieso immer tut. Es klingt so banal, aber das war es nicht. Ganz sicher reichen so ein paar Momente nicht, um einen Menschen vollständig zu erfassen. Aber wenn du, und wenn auch nur für ein paar Minuten, gezwungen bist, eine andere Person mit dem Herzen zu sehen und weißt, dass es mangels Seh- und Hörsinn auch das Herz der anderen Person ist, mit dem sie dich und alles, was du tust wahrnimmt, dann macht das was mit dir. Du musst weich werden und hinter deiner Alltagsfassade hervorkommen. Man merkt erstmal, wie sehr man ansonsten bemüht ist, genau diese Art der Wahrnehmung im Alltag zu unterdrücken, denn wer möchte sein Herz schon der Kassiererin im Supermarkt aufs Laufband legen, oder vor Rührung öffentlich in Tränen ausbrechen, wenn eine Entenfamilie am Flussufer entlangwackelt. Ich glaube, es ist uns die meiste Zeit über gar nicht bewusst, wie man jeden Tag drauf achtet, sein Herz zu schützen, anderen nicht zu viel Einblick zu gewähren, um Verletzungen oder vielleicht auch nur Erschöpfung zu vermeiden.

Und dann kommt Kaiserin 1, ein kleiner Mensch, der nach unseren Maßstäben als schwer behindert und sehr stark eingeschränkt gilt; ein kleines Kind, über das hässliche Menschen sagen, es wäre besser, wenn es gar nicht existierte. Kommt in dein Leben, liegt in deinem Arm und lächelt, wenn du ihm vorsichtig über die Hand streichelst, und dir schießen Tränen in die Augen und du musst alle Selbstbeherrschung zusammennehmen, um in diesem Berliner Café nicht einfach loszuheulen vor…Berührtsein und Begreifen; ich kann es schlecht in Worte fassen.

Man konnte nicht anders, als diesem Kind sein Herz zu öffnen. Diesem Kind und seiner wundervollen Familie. Papa Kaiser und Kaiserin 2 lernte ich an diesem Tag auch noch kennen, und ich bin mir sicher, dass Kaiserin 1 es nicht besser gehabt haben könnte. Ihre Eltern haben nicht nur mit vollem Einsatz für ihre Tochter gesorgt und gekämpft, sondern sie haben sie mit all ihren Wundern gesehen und gefeiert. Und ihr hättet mal sehen sollen, wie stolz Kaiserin 2 auf ihre große Schwester war! Tatsächlich war es nicht nur meine eigene Tochter, sondern zu einem großen Teil auch Kaiserin 1 und ihre Familie, durch die ich sehr viel über den Umgang mit Behinderung an sich und den Umgang mit Menschen mit Behinderung gelernt habe. Dass es sie gab, war eine wertvolle Bereicherung; dank Mareices Blog und ihrem Einsatz für Inklusion nicht nur für die, die sie persönlich kannten. Und ich glaube, ihre Geschichte ist noch nicht zu Ende.

23754737579_95ecd07abe_z

Am Abend des 30. Dezember 2015 bekam ich die Nachricht, dass Kaiserin 1 nachmittags eingeschlafen und gestorben ist. Seitdem bin ich fassungslos und sehr traurig, und das wird mich wohl auch noch einige Zeit begleiten. Gleichzeitig bin ich froh, dass Kaiserin 1 ihre Zeit bei genau dieser Familie verbringen konnte, und ich finde die große öffentliche Anteilnahme von so unfassbar vielen Menschen sehr berührend. Am Silvesterabend um Mitternacht haben auf unserem Balkon viele Wunderkerzen für Kaiserin 1 geglitzert und gefunkelt. Ich wünsche dir eine gute Reise, Kaiserin 1. Ich möchte dich so in Erinnerung behalten, wie ich dich erlebt – und gezeichnet habe, als wir uns damals in diesem Café kennengelernt haben. Es ist eine schnelle, absolut unperfekte und uncolorierte Skizze, aber sie wird unverfälscht genau so bleiben, wie ich sie an diesem Tag angefertigt habe. Und ich freue mich, dass diese Skizze bald in jenem Café hängen und die Erinnerung an dich bewahren wird. Meine Gedanken sind bei dir und deiner Familie <3.

 

4 Kommentare

  1. Frau Jule
    Am 02.01.2016 um 15:48:09 Uhr [Link]

    oh, das hast du so schön geschrieben. ich habe sie nicht kennenlernen können, aber ich erkenne andere kinder darin wieder, die ich kennenlernen durfte. und obwohl oder gerade weil sie so sind, wie sie sind, haben sie mir immer wieder gezeigt, wo ich langgehen soll und will. unfassbare menschen, auch wenn sie noch klein sind! mich hat die nachricht über ihre reise auch sehr getroffen. danke für deine worte, für deine wahrnehmung.
    liebe grüße,
    jule*

  2. Über Kaiserin 1, #einelefantfuerdich und Onlineclans. | verdachtsmoment
    Am 02.01.2016 um 20:39:24 Uhr [Link]

    […] berührende Artikel, in denen Abschied von Kaiserin 1 genommen wird, findet ihr bei leitmedium und ringelmiez, die im Gegensatz zu mir Kaiserin 1 persönlich kennen lernen […]

  3. Ein Elefant für eine Kaiserin - New Kid And The Blog
    Am 02.01.2016 um 23:52:41 Uhr [Link]

    […] Solidarität im Digital-Sozialen. Einige Elternbloggern erinnerten sich daran, wie sie Kaiserin 1 kennenlernten. Der Hashtag #EinElefantfuerDich avancierte auf Instagram und Twitter zu einem Kondolenz-Hit und […]

  4. Jutta
    Am 02.01.2016 um 23:53:47 Uhr [Link]

    Liebe Ella,
    obwohl ich kaiserinnenreich.de noch gar nicht kannte, bin ich sehr berührt von Deinem Text, den Du, wie ich finde, wunderschön geschrieben hast.
    Zudem ist mir unter anderem dieser Satz ein interessanter Denkanstoß:
    „Ich glaube, es ist uns die meiste Zeit über gar nicht bewusst, wie man jeden Tag drauf achtet, sein Herz zu schützen, anderen nicht zu viel Einblick zu gewähren, um Verletzungen oder vielleicht auch nur Erschöpfung zu vermeiden.“
    Vielen Dank!

Mehr lesen:

Vorheriger Artikel:
Nächster Artikel: