Links zum Wochenende: Freiburger Kneipenkultur, Gewalt gegen Frauen, „behindert“ als Schimpfwort, wehret den Anfängen.

Jeden Freitag zeige ich euch hier, was mir in letzter Zeit im Internet so interessantes vor die Füße geschwemmt wurde. Thematisch völlig durchmischt, aber immer mehr oder weniger stark politisch geprägt.

Zu Anfang mal was mit direktem Bezug zu meiner Heimatstadt: Für das Magazin subculture hat Fotograf Felix Groteloh Freiburger Kneipenbesitzer*innen in ihren Kneipen fotografiert. Meine Kneipenzeit ist längst vorbei, aber ich erinnere mich gerne an lange Abende und Nächte im Schlappen, im Cartoon, das jetzt schon seit über 10 Jahren Eimer heißt, und natürlich im Atlantik – das legendäre „Katerfrühstück“ (1 Gauloises, 1 Glas Wasser, 1 Kopfschmerztablette für 2,60 DM) gibt’s auch schon lange nicht mehr. Und natürlich an viele, sehr viele sehr frühe Frühstücke im Café Ruef. Hach ja.

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Was ich echt nicht mehr hören kann: Wenn Gewalt, insbesondere gegen Frauen, kleingeredet wird mit „Argumenten“ wie: Das ist doch nur eine Redewendung. Das sagt man halt so. Das ist ja so gar nicht gemeint. Das muss man halt auch mal mit ein bisschen Humor sehen. Da wird zum Beispiel ein hochgelobter „Intellektueller“ wie Roger Willemsen nach seinem Tod auf einem stimmungsvollen Bildchen auf facebook dafür gewürdigt, dass er gesagt hat, er möchte „sechs Sorten Scheiße [aus Heidi Klum] herausprügeln – wenn es bloß nicht so frauenfeindlich wäre“. Mensch, da haben wir jetzt aber Glück gehabt, das Roger Willemsen bereit war, sich an die Etikette zu halten. Ja, ich reagiere empfindlich auf so etwas. Und nein, ich muss das überhaupt nicht anders sehen. Ich finde das nicht besonders intellektuell und würdigenswert; bei solchen Formulierungen bekomme ich Magenkrämpfe. Und ich bin es satt, dass mir dann gesagt wird: Der meint das doch gar nicht so. Das musst du anders verstehen. Sei doch nicht so verbiestert. Das ist doch nur ironisch gemeint. Gar nichts muss ich. Denn, wie Ninia LaGrande in dem Video weiter unten sehr treffend sagt: „Ironisch Kacke labern ist halt immer noch Kacke labern“.

Laura Munoz schreibt (im Original auf Englisch) darüber, warum viele Frauen solche Witze einfach nicht lustig finden: weil sehr, sehr viele Frauen nahezu alltäglich dem übergriffigen, beängstigenden und oft tatsächlich gewaltsamen Verhalten von Männern ausgesetzt sind. Zuhause, in der U-Bahn, im Fitness-Studio, auf der Arbeit – wir haben gelernt, überall potentiell auf der Hut zu sein. In Ihrem Text geht es vorrangig um sexuelle Gewalt, aber falls jetzt jemand meint, anmerken zu müssen, dass das bei Willemsen ja nicht der Fall ist: Gewalt ist nicht okayer, nur weil sie nicht sexuell konnotiert ist. Und Frauen werden sehr oft auch Opfer von nicht sexueller männlicher Gewalt. Ich habe einen Auszug aus ihrem Text mal übersetzt:

„Liebe Männer mit allgemein guten Absichten in meinem Leben, bitte beachtet: Ganz egal, […] wie selbstsicher ich mich fühle, die eben genannten Arschgeigen werden weiterhin glauben, sie hätten ein Recht, meine Zeit und meine Aufmerksamkeit in Anspruch zu nehmen, obwohl ich lieber in Ruhe gelassen werden will. Sie werden weiterhin verlangen, dass ich freundlich und fröhlich zu sein habe, während ich mich ihretwegen unwohl fühle und Angst habe. Sie werden weiterhin Kommentare über meinen Körper und Anspielungen auf sexuelle Gewalt machen, und mich als verklemmt bezeichnen, wenn ich das nicht mit Humor nehme. Sie werden weiterhin ihre Überlegenheit untermauern mit einer kleinen Erinnerung daran, dass sie mir weh tun könnten, wenn sie nur wollten, und dass ich gewissermaßen dankbar zu sein habe, wenn sie es nicht tun. All das hat mich defensiv gemacht. Es bringt mich mehr in Hab-Acht-Stellung, als ich eigentlich sein möchte.
Liebe anständige männliche Menschen, das ist nicht eure Schuld, und es hat auch nichts mit euch zu tun. Wenn eine Frau frostig oder reserviert auf einen eurer Witze reagiert und nicht drüber lacht, zieht mal in Erwägung, dass sie vielleicht keine verklemmte, humorlose B*tch ist, sondern wahrscheinlich einige Erlebnisse hinter sich hat, die ihr nicht nachvollziehen könnt, und die ihre Sicht auf manche Dinge ziemlich nachteilig verändert haben. Berücksichtigt, dass während ihr bloß eure Witze macht, eine Frau im Kopf möglicherweise versucht zu überschlagen, ob sie sich gleich in einer Toilettenkabine verschanzen und um Hilfe rufen muss.“

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Genau so wenig okay, wie Witze über (sexuelle) Gewalt: Die Verwendung des Wortes „behindert“ als Schimpfwort. Ninia LaGrande dazu:


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In dem Fragebogen, den ich neulich für die Badische Zeitung ausfüllte, lautete meine Antwort darauf, wovor ich Angst hätte: „Davor, dass ich bald selbst eine Antwort geben kann auf das ‚wie konntet ihr es dazu kommen lassen?‘, das ich meine Oma immer gefragt habe“. Über diese Antwort, bzw. über meine reale Angst davor, habe ich lange mit dem Mann diskutiert. Ein Teil des Gesprächs lief ungefähr so:

Er: „Sowas wie das Dritte Reich KANN sich gar nicht wiederholen, das ist vollkommen ausgeschlossen.“
Ich: „Hätte ich bis vor einiger Zeit auch noch gesagt, aber schau nach Polen, und schau was in den letzten Jahren hier passiert ist, seit PEGIDA und AfD und insbesondere seit dieser sogenannten ‚Flüchtlingskrise‘, und was sie ganzen achso normalen Leute für rassistischen Mist ablassen in ihren Facebook-Kommentaren…“
Er: „Ja, gut, aber dass irgendwann nochmal irgendwo vorsätzlich Menschen verbrannt werden, das glaube ich nicht- „
Ich: „Wieso, passiert doch schon.“
– Stille –

Tja, ne.

Tatsächlich kann ich mir schwer vorstellen, dass es jemals wieder zu einem zweiten Holocaust kommen könnte, aber momentan kann ich zumindest nachvollziehen, wie diese Entwicklungen damals möglich wurden. „Wehret den Anfängen? Wir sind schon mittendrin“, schreibt LaVieEnVagabonde.

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Diesmal entlasse ich euch also mit ein bisschen härterem Tobak ins Wochenende – macht euch trotzdem ein schönes ebensolches!

5 Kommentare

  1. Katrin Degen
    Am 26.02.2016 um 12:23:41 Uhr [Link]

    Hallo Ringelmiez,

    wieder eine tolle Linksammlung zum Wochenende!
    Es ist schon fast ein Ritual geworden, wenn meine Partnerin und ich gemeinsam diese Einträge lesen und aus dem zustimmenden Nicken nicht mehr rauskommen!
    Ich habe mir vor wenigen Tagen in einem Facebookkommentar die selbe Frage gestellt, wie du heute: „Wann wird es später heißen, man habe den Moment verpasst, zu reagieren?“ „Was erzähle ich später meinen Kindern, wenn sie mich fragen, wie es dazu kommen konnte?“ Bis vor Kurzem dachte ich wirklich, bei PEGIDA, AfD und Co. handle es sich um einige wenige Fanatiker_innen, während die meisten Personen Mitläufer_innen seien, die frustriert und unreflektiert der einfachen Lösung hinterherrennen. Diese Hoffnung habe ich vor Kurzem begraben. Die Wähler_innenstimmen der AfD nehmen zu und das, trotz, oder gerade wegen des Geredes dieser Petry-Person. Ich war der Meinung, die meisten AfD und PEGIDA-Anhänger_innen würden einfach verdrängen. Leid ist schließlich nicht da, wenn es hinter Grenzen geschieht. Doch nun ist Clausnitz und Bauzen geschehen, es wird öffentlich über Schießbefehle diskutiert und die Anhänger_innen bleiben! Hier findet eine Spaltung der Gesellschaft statt. Die angebliche „Mitte der Gesellschaft“ gibt es in dieser Diskussion nicht. Entweder du bist für die Flüchtenden, oder gegen sie. Hier entbrennt ein Frontenkampf und eine Seite muss gewinnen. Leider bewegen wir uns im Moment immer mehr in die rechte Richtung. Verschärfung der Gesetzeslagen, „Man muss doch den Dialog mit ihnen suchen“-Gerede, usw. Wir können nur abwarten, unsere Position weiterhin verteidigen und hoffen… Ich glaube schon, dass so etwas wie der Holocaust noch einmal möglich ist. Vielleicht nicht in diesem Land, aber was außerhalb der tollen deutschen Grenzen geschieht, scheint vielen hier vollkommen egal zu sein… Wie kann man denn auch Schuld für etwas sein, das nicht direkt vor den eigenen Augen passiert. Wie mein Vater, der mir erzählt, dass die Kleidungsproduktion in der Dritten Welt gut für die dort Lebenden sei, da sie so endlich zu Jobs kommen würden, denn (das wüsste ja jeder) die deutsche Arbeitsmoral ist ungeschlagen und wenn wir Deutschen mehr haben als die Anderen, dann, weil wir auch härter dafür arbeiten! …Das ist tatsächlich seine Einstellung und Argumente helfen da wenig. Ähnlichdenkende Deutsche gibt es Zuhauf und denen ist doch vollkommen egal, was in der Türkei, oder Griechenland geschieht, solange bei uns weiter die Sonne scheint. Grenzen dicht und wir können weiter in unserer Blase leben…

    Nachdenkliche und traurige Grüße
    Katrin

  2. Chris
    Am 26.02.2016 um 17:57:20 Uhr [Link]

    Katrin, ich gehe auf die Straße – Woche für Woche. Einen Mittelweg scheint es momentan nicht zu geben. Das haben aber nicht nur die Rechten, sondern auch die Politik zu verantworten. Das ist aber trotzdem kein Argument, den braunen Mob (hier tatsächlich von Straftätern, die in der Rechten Szene unterwegs sind, angeführt) wieder gesellschaftsfähig zu machen. Mal sehen, wann ich mal endlich wieder stricken und meinen Poncho (hoffentlich) in Frieden ausführen kann – danke für die Links.

    • Katrin Degen
      Am 27.02.2016 um 18:53:34 Uhr [Link]

      Hallo Chris,

      da habe ich meine Meinung wohl nicht ganz rüber gebracht!
      Ich möchte den „braunen Mob“ auf gar keinen Fall gesellschaftsfähig machen!
      Ich gebe ebenfalls sehr häufig zu den Gegendemos und bin absolut schockiert von den Entwicklungen! Ich hege KEINERLEI Sympathien mit diesen Menschen. Ich glaube inzwischen nur nicht mehr an eine Minderheit, sondern habe begriffen, dass diese alten „Werte“ nach wie vor in großer Zahl in unserer Gesellschaft existieren. Hier ist in der Erziehung einer ganzen Generation was schief gelaufen… langes, schwieriges Thema. Ich frage mich nur, was ich tun soll… ob es reicht, die Demos zu besuchen und weiterhin ganz klar eine Gegenstellung zu beziehen. Ich habe Angst vor der Zukunft. Das ist alles!

      liebe Grüße

      • Chris
        Am 04.03.2016 um 13:37:44 Uhr [Link]

        Hallo Katrin,

        tut mir leid, wenn mein Kommentar falsch rüber gekommen sein sollte. Ich habe Dich m.E.n. auch in Deinem ersten Posting richtig verstanden. Mir schien da jedoch eine Art Resignation mitzuschwingen. Ich bin bzgl. dieses Themas derzeit aber auch recht aufgewühlt, weil Dinge wie die „Jagd“ auf Flüchtlinge, Bedrohungen und Beschimpfungen ehrenamtlicher Helfer und nicht zuletzt der wöchentliche Pegidaaufmarsch unmittelbar erlebbar auch hier stattfinden. Da bekomme ich wirklich Angst, ja. Ich denke aber, dass Angst hier ein schlechter Berater ist und ich bin da auch ein bisschen stolz drauf, dass es sich hier jede Woche mehrere hunderte von wirklich besorgten Bürgern nicht nehmen lassen, Gegendemonstrationen durchzuführen. Das führt hier mittlerweile zu einem grotesken Bild: 70 – 80 Pegida-Anhänger, bestehend auch zusammengesammelten und importierten (meist vorbestraften) Rassisten aus dem Umland nebst Berlin sowie einem Quotenrentner von hier und einen Quotenausländer – von wo, weiß ich nicht -, über 1000 Polizisten und 800-1000 Gegendemonstranten. Mal abgesehen, was diese Veranstaltungen den Steuerzahler Woche für Woche kosten, wie kann es denn sein, dass ein Straftäter, der gegen seine aktuellen Bewährungsauflagen verstößt, vor 2 Wochen erneut zu einer Haftstrafe ohne Bewährung verknackt wurde, als äußerst narzisstisch und damit auch gefährlich gilt und in seiner Freizeit mit scharfen Waffen rumspielt offensichtlich kein Sicherheitsproblem darstellt (er wurde u.a. wegen einer Scheinhinrichtung nebst Folter verurteilt), er immer noch auf freiem Fuß ist und Woche für Woche wie ein trotziges Kleinkind von seinem Grundrecht Gebrauch machen kann, während Gegendemonstranten durch die Polizei bereits im Vorfeld daran gehindert werden, überhaupt zu den Gegendemos zu gelangen, NACH einem geplatzten „Abendspaziergang“, weil eine friedliche Sitzblockade dies erfolgreich verhinderte, von der Berliner Polizei (von wem auch sonst) eine Kneipe gestürmt wird, weil die Polizei „noch ein bisschen Spaß haben möchte“ (die Worte sind von einem Polizisten so wirklich gesagt worden). Ahhrrg, ich schreibe mich schon wieder in Rage. Du hast Recht, es ist ein kompliziertes Thema. Ich denke aber, dass das nicht mit der Erziehung nur einer Generation zu erklären ist. Dieses rassistische Gedankengut schlummert seit vielen Generationen in großen Teilen von uns – sei es nun bewusst oder unbewusst. Nach den schrecklichen Vorkommnissen in den 90er Jahren war lange Ruhe, jetzt wird die Stimmung im Zusammenhang mit den Flüchtlingen wieder kräftig eingeheizt und fällt leider zum nicht sonderlich kleinen Teil auf fruchtbaren Boden. Für mich nachvollziehbar, schaut man sich mal die Politik der letzten Jahre an, welche ständig über den Köpfen der Menschen betrieben wurde. Dennoch habe ich dafür so überhaupt gar kein Verständnis, weil ich davon überzeugt bin, selbst den Ärmsten hier in Deutschland geht es im Vergleich zu den Menschen, die zu uns kommen, wesentlich besser. Ich halte es so: Helfe wo du kannst, sag lauthals den Fremdenhassern die Meinung und vor allem geh wählen, denn Parteien wie die AfD, die bewusst Ängste schüren, werden ihre Wähler garantiert sowohl auf Kommunal-, Landes- und sicherlich auch auf Bundesebene zu mobilisieren wissen.

        Liebe Grüße

  3. Steffi
    Am 27.02.2016 um 16:40:33 Uhr [Link]

    Ich denke ich gehe da sehr konform mit Roger Willemsen. Für mich klingt es eher frauenfeindlich, “ weil “ er den Nachsatz“ wenn es bloß nicht so frauenfeindlich wäre angefügt hat. Dieses abartige Menschen- und Frauenverachtende Fersehformat einer Heidi Klum kotz mich an. Nein, ich verkloppe weder meinen Mann, meine Kinder noch sonst irgendwen, möchte meinem Groll aber einfach auch mal ganz knallhart verbal Ausdruck verleihen können. Ich könnte nicht nur einer Heidi Klum rechts und links eine scheuern, nein auch Männern, da würde ich in meinen Verbalattacken keinen Unterschied zwischen Männern und Frauen machen. Ja, wenn ich mir Luft mache dann auch mit Kraftausdrücken. Genauso verstehe ich die Aussage von Roger Willemsen und glaube auch nicht, dass er es ironisch gemeint hat, sondern auch einfach nur tierisch genervt war. Ich bekomme nicht bei der Formulierung Magenkrämpfe, ich bekomme sie bei Heidi Klum.

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