Links zum Wochenende: Maria L., Gewalt gegen Frauen, Frauenbild.

Jeden Freitag zeige ich euch hier, was mir in letzter Zeit im Internet so interessantes vor die Füße geschwemmt wurde. Thematisch völlig durchmischt, aber immer mehr oder weniger stark politisch geprägt.

CN: Gewalt gegen Frauen, sexuelle Gewalt, Mord

Mitte Oktober wurde in Freiburg, der Stadt in der ich lebe, eine junge Studentin vergewaltigt und ermordet; wenige Wochen später kam eine Joggerin in einem Ort nicht weit von hier auf ähnliche Weise zu Tode. Der erste der beiden Fälle scheint sich der Aufklärung zu nähern: Als mutmaßlicher Mörder der 19jährigen Maria L. wurde ein aus Afghanistan geflüchteter junger Mann gefasst. Schon seit Wochen schreiben viele große Medien über „Risse im Idyll“ unserer Stadt und über die Verunsicherung ihrer Bewohner. Es ist ganz schön komisch, in vielen großen Zeitungen zu lesen, wie das Leben hier seit den Morden angeblich so ist, und wie man sich hier so fühlt (in den wenigsten dieser Artikel erkenne ich mich oder meine Stadt wieder). Mir wird übel, wenn ich die Reaktionen auf die Bekanntgabe der Verhaftung des Täters aus gewissen politischen Ecken lese:

bruck

Es ist auch bezeichnend, wenn man als Frau vorhat mit dem Laufen zu beginnen, und sich die ersten vorbereitenden Gedanken dafür nicht um die richtigen Laufschuhe drehen, sondern um die beste Heimweg-App. – oder darum, ob man sich als Frau überhaupt trauen kann, in der Natur joggen zu gehen und sich nicht vielleicht doch auf das Laufband im Fitness-Studio beschränken sollte. Noch viel merkwürdiger und gruseliger ist das alles geworden, seit die Herkunft des mutmaßlichen Täters feststeht – denn seither ist eine ziemlich weirde Diskussion im Gange, über die Bundesgrenzen hinaus. Weird, weil zum Beispiel das Frauenbild von Flüchtlingen diskutiert wird. Als wäre unser Frauenbild hier total in Ordnung.

Weird deshalb, weil so getan wird, als seien Frauen erst in Gefahr, seit Deutschland so viele geflüchtete Menschen aufgenommen hat. Als hätte für Frauen vor diesem Mord keine Notwendigkeit für eine Heimweg-App bestanden. Weird ist das alles auch, weil die Gewalt, die (vor allem auch deutsche) Männer Frauen jeden einzelnen verdammten Tag antun, vor den Taten einiger weniger geflüchteter Männer total in den Hintergrund tritt und scheinbar als hinzunehmendes Risiko angesehen wird. Es macht mich vieles an diesem Thema wütend und verzweifelt. Was mich tröstet: Dass auf die Menschen in meiner Stadt Verlass ist. Da rotten sich 10 AfD-Hansel zu einer Demo auf – und es kommen über 200 Freiburger*innen zur Gegendemo.

Gestern hielten über 300 Menschen, überwiegend afghanischer Abstammung, eine Mahnwache für die getötete Studentin ab – und können das in dieser Stadt auch einfach, ohne attackiert zu werden und mit Unterstützung durch Freiburger Bürger*innen. Das ist mein Freiburg, dass trotz punktueller Verunsicherung zusammenhält.

***

Mehr habe ich diese Woche leider nicht für euch – ich hoffe nächstes Mal werden die Wochenend-Links thematisch wieder etwas vielfältiger.

 

4 Kommentare

  1. Meike
    Am 09.12.2016 um 13:43:28 Uhr [Link]

    Danke für die Links – ich würde gerne um das bemerkenswerte Interview vom Freiburger Trainer Christian Streich ergänzen. https://www.youtube.com/watch?v=bHxqP3moyHg LG, Meike

  2. Jenny
    Am 10.12.2016 um 09:23:39 Uhr [Link]

    Danke für deine Worte. Als Opfer sexuallisierter Gewalt ist diese schreckliche Diskussion nicht auszuhalten! Diesen Menschen, die hier jetzt in unwürdiger Weise „argumentieren“ und gegen Ausländer hetzen, geht es nicht um die Opfer. Es geht Ihnen alleine darum ihre widerlichen Parolen zu verbreiten, die nichts für die eigentliche Sache tun.
    Ich fühle mit der Familie und mit allen Betroffenen und wünsche mir, dass wir Opfer gesehen werden und uns eine Plattform gegeben wird und nicht immer wieder diesen hirnlosen Menschen, die ihr rassistisches Menschenbild weiter verbreiten.
    Liebe Grüße
    Jenny

  3. B. Cottin
    Am 10.12.2016 um 17:34:53 Uhr [Link]

    Hab weiterhin Mut, Freiburg!
    Was um alle Welt würde man schreiben, wenn der Tatverdächtige ein Brite oder Däne ist ? Oder ein Deutscher … Hätte man dann betitelt „ein Bayer“, „ein Sachse“ usw. ?

  4. Sara
    Am 12.12.2016 um 13:28:20 Uhr [Link]

    Vielen Dank für diesen Blogeintrag!
    Mir geht es genauso wie dir, ich erkenne „meine“ Stadt in den Medien nicht wieder. Und egal wieviele Freiburger sich sachlich und differenziert äußern, e scheint kaum Niederschlag in der Presse zu finden.

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