Die Sache mit den Indianerkostümen – Nachwort

Wie zu erwarten war, hat Jasnas und mein Artikel zum Thema “Indianer”kostüme und Alltagsrassismus ziemliche Wellen geschlagen. Wir haben damit gerechnet, dass er bei weitem nicht überall gut ankommen würde. Es gibt ein paar Dinge, die ich dazu gerne festhalten möchte:

Es ist mir wichtig, im Gedächtnis zu behalten, dass die positiven, nachdenklichen, ernsthaft interessierten und sachlich kritischen Reaktionen überwiegen. Das macht mich froh. Ich erwarte kein reflexartiges Beifallklatschen auf solche Artikel, aber ich freue mich über jede*n, die*der durch Texte dieser Art ins Nachdenken gerät.

Es gab auch gar nicht wenige Leute, die sich sehr über unseren Artikel gefreut haben, weil sie das Thema sehr wichtig finden und es noch nicht viele deutschsprachige Artikel dazu gibt.

Außerdem möchte ich mich von Herzen bedanken für allen Support, den ich und den wir erfahren haben. Support von anderen Aktivist*innen, die wissen, wie aufreibend es ist, sich mit kritischen Themen in die Öffentlichkeit zu stellen, und die uns den Rücken stärkten. Mein besonderer Dank gilt Distelfliege, die uns trotz Fieber und Krankheit intensiv beim Moderieren der Kommentare auf allen Kanälen geholfen hat.

♥ Danke! ♥

Leider hatte ich bei sehr vielen anderen Leuten, mit denen wir auf facebook, twitter, und hier im Blog diskutiert haben den Eindruck, dass sie a) unseren Text gar nicht richtig gelesen hatten, b) die darin verlinkten Verweise nicht gelesen hatten und c) sich oft nicht einmal mit den Grundlagen der Thematik auskannten. Uns wurde mehrfach Anmaßung vorgeworfen. Aber ich muss ganz ehrlich sagen, dass ich es viel anmaßender finde, wenn weiße Menschen ihre Argumente auf einem trotzigen „Das find‘ ich halt!“ aufbauen und meinen, ihr uninformiertes Gerede aus dem Stegreif sei ernstzunehmender, als das, was Leute schreiben, die entweder selbst von Diskriminierung betroffen sind, oder sich seit langer Zeit intensiv damit auseinandersetzen, oder beides.

Es ist übrigens noch gar nicht so lange her (vielleicht etwa 2 Jahre), dass ich selbst ganz genauso war. Irgendwann schreibe ich mal darüber, wie aus mir eine politische Aktivistin wurde, und was für eine ignorante Kackbratze ich davor war. Die gute Nachricht ist also: Auch für diese Leute gibt es noch Hoffnung, und auch genau für diese Leute werde ich weiterhin immer mal wieder Texte zu politischen Themen schreiben.

Besonders traurig fand ich, dass unter diesen Leuten sehr viele Eltern, vor allem Mütter, waren, die teilweise selbst Blogs übers Kinderhaben und Elternsein schreiben, und auch immer wieder auch darüber, wie wichtig Ihnen Respekt und der Umgang mit Grenzen (auch anderer Menschen) sind. Scheinbar bezieht diese Achtsamkeit aber nur auf weiße Menschen; sobald es um die Grenzen und den Respekt gegenüber (in diesem Fall) American Natives geht, ist Respekt und Rücksichtnahme zu viel verlangt. Die sollen sich dann „mal locker machen“ oder „mal nicht so anstellen„. Das erschüttert mich wirklich.

Ich will an dieser Stelle einige der kritischen Reaktionen, die recht häufig kamen, nochmal kurz zusammenfassen und kommentieren.

  • Was maßen sich zwei Weiße überhaupt an, für eine Bevölkerungsgruppe zu sprechen, mit der sie überhaupt nichts zu tun haben?“

Man braucht auch als privilegierte weiße Person keine Legitimierung, um auf Rassismus und andere Formen der Diskriminierung aufmerksam machen zu dürfen, und sich für Menschen einzusetzen, die von Diskriminierung betroffen sind. Meine Motivation, das zu tun kommt daher, dass ich Ungerechtigkeiten im Großen wie im Kleinen schlecht aushalten kann. Etwa 80% meines Freundeskreises besteht aus teilweise mehrfach von Diskriminierung betroffenen Menschen, und ich sehe einfach fürchterlich ungern einfach dabei zu, wie es Ihnen schei*e geht, weil andere Weiße keine Lust haben, sich zum Beispiel mal mit (Alltags-)Rassismus auseinanderzusetzen. Ich will ihnen zur Seite stehen und mich für sie einsetzen. Gerade auch, weil sie oft nicht gehört und nicht ernstgenommen werden, wenn sie es selbst versuchen. Abgesehen davon haben wir in unserem Artikel viele Stimmen von Betroffenen selbst verlinkt. For the record: Jasna ist nicht weiß.

  • „Es haben doch überhaupt nicht alle American Natives was gegen Indianerkostüme! Ich kenne welche, und die finden das total okay!“

Nicht jede Person, die von Native Americans abstammt, fühlt sich selbst von Diskriminierung betroffen. Dass es tatsächlich welche gibt, denen Indianerkostümierungen egal sind, kann für die anderen nicht bedeuten, dass sie still sein und Diskrmininierung aushalten müssen. Und es kann auch nicht bedeuten, dass das Thema deshalb nicht diskutiert werden darf.

  • „Wenn so ein Artikel schon so belehrend anfängt, dann lese ich den gar nicht weiter! Dieser Tonfall! Also bitte!“

Das ist das sogenannte Tone-Argument (bitte lesen), das oft und gerne verwendet wird, um jemandem, der auf einen Missstand aufmerksam macht, Unfreundlichkeit vorzuwerfen, und so vom eigentlichen Thema der Diskussion abzulenken. Die meisten politischen Aktivist*innen, die ich kenne, reagieren darauf (zurecht) nur noch mit Ignoranz oder Blocken, weil es ein klassisches Derailing (auch das: bitte lesen) darstellt. Ich ärgere mich einfach über diesen Vorwurf: Sehr oft werde ich (übrigens auch nicht gerade in einem freundlichen Tonfall) aufgefordert, doch gefälligst mal zu erklären, was an XY jetzt bitte rassistisch sein soll. Es ist nicht mein Job, andere Weiße in der Hinsicht weiterzubilden – es wäre der Job der Leute selbst, sich ins Thema einzulesen. Aber weil es mir wichtig ist, das möglichst viele Menschen anfangen, sich mit Themen wie zum Beispiel Rassismus zu beschäftigen, schreibe ich Artikel wie eben jenen mit Jasna über Indianerkostümierungen. Sachlich, freundlich, wohlmeinend. Und bekomme dann vorgeworfen, wir würden uns zu belehrend ausdrücken. Abwehrendes Verhalten dieser Art ist eine typische Reaktion in  Diskussionen dieser Art, die meistens reflexartig und unbedacht passiert. Wenn du eine solche Reaktion an dir selbst feststellst, versuche sie als “inneres Glöckchen” zu deuten, dass dich daran erinnern will, an dieser Stelle erst einmal genau hinzuhören und nachzudenken, bevor zu anfängst, dich unreflektiert aufzuregen.

  • „Dass Erwachsene das alles nachvollziehen können und demzufolge vielleicht auch auf Indianerkostümierung verzichten sollten – okay. Aber Kinder können keine Rassisten sein! Demzufolge kann es auch nicht rassistisch sein, wenn Kinder sich als Indianer verkleiden!“

Kinder können sich vielleicht nicht aktiv dazu entscheiden, Rassist*innen zu sein. Aber was Erwachsene ihnen vorleben, hat großen Einfluss auf sie. So übernehmen Kinder von Erwachsenen auch rassistische Stereotype und führen (alltags)rassistische Handlungen aus – genau, wie die meisten Erwachsenen, ohne sich darüber bewusst zu sein. Und so wird das von einer Generation an die nächste weitergegeben. Woran man selbst als Kind Spaß hatte, kann ja für die eigenen Kinder nicht schlecht sein. Das ist genau der Grund, weshalb der Alltagsrassismus so tief in uns allen sitzt, dass es uns schwer fällt, ihn an uns selbst zu entlarven. Es kann also nicht sinnvoll sein, Kinder Handlungen ausführen zu lassen, die Erwachsene aus guten Gründen unterlassen sollten. Aus dem gleichen Grund greifen Eltern ja auch ein, wenn ihre Kinder andere Kinder hauen oder andere Dinge tun, die wir unter „so geht man mit anderen Menschen nicht um“ einstufen.

  • „Was ist denn, wenn euer Kind sich als Hexe verkleiden will? Lebt ihr denn euer Leben auch sonst komplett ausbeutungsfrei und unfehlbar? Es tut mir leid, aber wenn ich an euch nur eine Sache finde, die nicht zu 100% verantwortungsvoll ist, und sei es auch nur, dass ihr Kaffee trinkt (ausgebeutete Kaffeebauern!), eure Kinder als Hexe (Hexenverfolgung!), Küken (Massentierhaltung!), Pirat (Massenmörder!) gehen lasst oder sonstwas, dann kann ich euer moralisch hochtrabendes Gerede über Indianerkostüme schon nicht mehr ernst nehmen.“

Dazu zitiere ich etwas, das Distel gestern im Rahmen einer solchen Diskussion antwortete:

„Das (…) ist etwas, was sehr auch oft gebracht wird, wenn Diskriminierung angesprochen wird. Ich nenne es das „100% Konsequent und 100% Klar abgegrenzt- Argument“. Entweder von der Person, die es anspricht, wird verlangt, 100% konsequent in keinerlei diskriminierende Strukturen involviert zu sein (was ihr sowieso nicht möglich ist), oder das Thema wird so weit in einen Grauzonenbereich rübergezogen, bis das ursprüngliche Anliegen aus dem Blickfeld gerät und alle sich wohl fühlen können damit, dass eh alles irgendwie bluna und etwas verwässert und nicht so wirklich klar benennbar ist. Die Person, die Diskriminierung anspricht, hat damit die unmögliche Aufgabe, eine 100% klare Abgrenzung vorzunehmen in einer komplexen und diversen Welt. Beide Dinge sind nicht leistbar und ich finde das deshalb auch nötig, beim Ansprechen von Gefahren (Essentialisierung) oder bei dem Hinweisen auf Unschärfen und Grauzonen darauf zu achten, dass die ursprüngliche Diskussion davon nicht kleingeredet, abgewehrt und derailt wird. (…) Eine Alternative kann nicht sein, Diskriminierung nicht mehr zu besprechen.“

Grundsätzlich möchte ich denen, die sich gern weiter informieren möchten noch ein zwei Lesetipps zum Thema Rassismus und Diskussionskultur mit auf den Weg geben.

– Das Buch von Noah Sow, Deutschland Schwarz Weiss: Der alltägliche Rassismus*

Derailing für Anfänger: Ein ironisch geschriebener, aber sehr aufschlussreicher Leitfaden zur Gesprächskultur in Diskussionen mit oder über marginalisierte Menschen.

– Ein Vorwurf, den Aktivist*innen sehr oft hören ist, sie würden sich für unfehlbar halten. Ein paar Gedanken dazu.

– Die Initiative Schwarze Menschen e.V.

Der braune Mob

 

In diesem Sinne: Habt ein schönes Wochenende. Wir haben in den vergangenen 30 Stunden mehr als genug diskutiert und brauchen jetzt eine Pause; daher sind Kommentare zu diesem Blogpost deaktiviert. Im „Indianer“Kostümartikel kommen jetzt sehr viele Kommentare, die sich wiederholen, und deren Inhalt längst besprochen wurde (vieles davon findet sich in obiger Liste wieder). Solche Kommentare werden nun nicht mehr freigeschaltet; sachliche Kommentare mit neuen Inhalten werden weiterhin freigegeben.

Ich freue mich auf weitere anregende Diskussionen mit euch in der Zukunft!

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